• Michaela Boehme

Mit Bio-Landwirtschaft und Online-Vermarktung gegen die Armut


 

Fu Chaohuan, "Dorfkader Li Jun und die Wiederbelebung des ländlichen Raums" [1]

Übersetzt von Michaela Böhme

 

Anmerkungen zum Text


Seit einigen Jahren steht der ländliche Raum wieder verstärkt im Zentrum der öffentlichen Debatte in China. Aktuelle politische Kampagnen wie die Bekämpfung der ländlichen Armut sowie die Strategie zur Revitalisierung ländlicher Regionen (xiangcun zhenxing) machen deutlich, dass China nicht nur eine aufstrebende globale Wirtschaftsmacht ist, sondern ein Land, in dem noch immer fast 300 Millionen Menschen als Kleinbauern von der Landwirtschaft leben – viele von ihnen am Existenzminimum.


Seit den 1980er Jahren haben sich ländliche und städtische Regionen in China deutlich auseinander entwickelt, was unter anderem anhand der hohen Einkommensungleichheit sichtbar wird. Statistiken der chinesischen Zentralregierung zeigen, dass städtische Haushalte im Schnitt ein fast drei Mal so hohes Einkommen haben wie ländliche Haushalte. Auch wenn die Ungleichheit zwischen Stadt und Land in den letzten 15 Jahren durch die Befreiung ländlicher Haushalte von Abgaben und Steuern sowie großzügiger staatlicher Investitionen in Infrastruktur, Wirtschaft und öffentliche Dienstleistungen etwas zurückgegangen ist, ist die Landbevölkerung besonders von Armut und sozialer Unsicherheit betroffen.


Geringe Verdienstmöglichkeiten haben in den vergangenen Jahrzehnten zu einem stetigen Strom der ländlichen Bevölkerung in die Städte geführt. Zwar versorgt diese Form der Binnenmigration Chinas boomende Wirtschaft mit billigen Arbeitskräften, doch geht sie auch mit erheblichen sozialen Kosten einher – von zerrissenen Familien, zurückgelassenen Alten und Kindern, bis hin zum allgemeinen Zerfall und Niedergang ländlicher Gemeinden.


Unter den Stichworten „Kampf gegen die Armut“ und „Wiederbelebung des ländlichen Raums“ werden daher bereits seit einigen Jahren Anstrengungen seitens der Regierung unternommen, um die strukturelle Benachteiligung der ländlichen Regionen zu überwinden. Der ländliche Raum, so das Ziel, soll aufgewertet und wieder lebenswert gemacht werden – mit einer blühenden lokalen Wirtschaft, sauberer Umwelt und einer starken sozialen und kulturellen Basis. Mit welchen Mitteln dieses Ziel am besten zu erreichen ist, wird sowohl von Experten als auch der breiten Öffentlichkeit kontrovers diskutiert.


Der ursprünglich von „China Reform News“ (Zhongguo gaigebao) verfasste und in der Online-Zeitschrift „The Paper“ (pengpai) abgedruckte Artikel präsentiert Dorfkader Li Jun und das im nordöstlichen Sichuan gelegene Bergdorf Xiuyun als ein Vorzeigemodell, wie die Befreiung aus der Armut und die Wiederbelebung des ländlichen Raums gelingen können. Als Medienplattform der Staatlichen Kommission für Entwicklung und Reform beschäftigt sich „China Reform News“ vor allem mit wirtschaftspolitischen Fragen und präsentiert die aus Sicht der Zentralregierung hervorzuhebenden Erfolge und Herausforderungen des chinesischen Wirtschaftsmodells.


Mit einer Mischung aus ökologischer Landwirtschaft und online-basierter Vermarktungsstrategie will Dorfkader Li Jun sein Dorf Xiuyun aus der Armut führen. Seit seinem Auftritt als Abgeordneter bei den „zwei Sitzungen“ von Volkskongress und Konsultativkonferenz im Mai letzten Jahres ist der Beamte zu einer Art Berühmtheit in Chinas Kampagne gegen die ländliche Armut geworden. Nicht nur staatliche Medien berichten immer wieder ausführlich über den Erfolg Li Juns, auch auf Chinas Social-Media-Plattformen wie Douyin – der chinesischen Version von Tiktok – werden seine Videos über die Armutsbekämpfung in Xiuyun hunderttausende Male abgerufen.


Anhand der Erfolgsgeschichte Xiuyuns macht der Artikel deutlich, wie sich Chinas Wirtschaftsstrategen die Wiederbelebung des ländlichen Raums vorstellen: neue Konsumformen, Ernährungsgewohnheiten und technologische Möglichkeiten verschmelzen unter der Führung der Partei zu einem innovativen Wirtschaftsmodell, das ländliche Dörfer und Gemeinden prosperieren lässt. Ob dieses Modell langfristig und nachhaltig funktionieren kann, bleibt offen. Sicher ist jedoch, dass das Schicksal des ländlichen Raums und der ländlichen Bevölkerung Chinas Entwicklung auch in Zukunft entscheidend beeinflussen wird.


 

"Dorfkader Li Jun und die Wiederbelebung des ländlichen Raums"

von Fu Chaohuan


In nur einem halben Monat hat Li Juns Douyin-Account 100,000 neue Follower hinzugewonnen. Für Li Jun, Dorfkader im abgelegenen Bergdorf Xiuyun in der Provinz Sichuan, hängt das gestiegene Interesse mit seiner Teilnahme bei der letzten Sitzung des Nationalen Volkskongresses im März des Jahres zusammen. Dort hat er als Repräsentant der Erfolgsgeschichte seines Dorfes im ganzen Land Eindruck gemacht. Für den Dorfkader sind es nicht die Follower an sich, sondern die bessere Sichtbarkeit und Kommunikation, die das Verwenden neuer Internettechnologien für ihn interessant machen. Das Internet, so glaubt er, ermöglicht es, die Wiederbelebung des ländlichen Raums von der Basis her zu gestalten.


Während der „zwei Sitzungen“ hat Li Jun gleich mehrere Positionen inne – Vertreter des Nationalen Volkskongresses, Vermarkter seines Dorfs Xiuyun, Reporter und Video-Blogger. Mit dem Selfie-Stick überträgt er mit dem Handy live seine Eindrücke und Kommentare aus der Kongresshalle. Seine Videos von den zwei Sitzungen erreichen ihr Publikum auf direktem Weg. Jeden Abend während des Kongresses hält er zudem im Chatraum von Douyin Treffen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern seines Dorfes ab, berichtet über die neuesten politischen Maßnahmen und holt die Meinung der Dorfbewohner dazu ein. Der überbordende Kommentarbereich seines Douyin-Accounts zeugt vom lebhaften Interesse an seiner Arbeit.


Zu den Top-Postings auf Li Juns Douyin-Account gehören die Videos von zwei herzlich in die Kamera lachenden alten Bäuerinnen. „In nur zwei Tagen wurden die Videos mehr als 400,000 Mal aufgerufen“, so Li Jun. Die Popularität seiner Videos ist bei genauerem Hinsehen vielleicht weniger überraschend als es auf den ersten Blick den Anschein hat.


2018 meldet sich Li Jun bei Douyin an. Obwohl er das Ganze am Anfang eher als Zeitverschwendung empfindet, steht er den neuen Medien doch offen gegenüber. Mit der Zeit bemerkt er, wie sich Douyin sogar unter 70- und 80-jährige Dorfbewohner zu verbreiten beginnt. „Heute nutzen mehr als 80 Prozent aller Menschen im Dorf Douyin“, sagt Li Jun.


Vom Verbreitungsgrad der App beeindruckt, beginnt Li Jun Douyin für seine Arbeit als Dorfkader einzusetzen. Douyin wird für ihn ein Fenster, durch das er das Dorf Xiuyun der weiten Welt vorstellt. Normalerweise ist er mit seiner Kamera im ganzen Dorf unterwegs und nimmt die tatsächlichen Lebensbedingungen der Menschen vor Ort auf. Seine Arbeit hat Xiuyun bei Internetnutzern in ganz China bekannt gemacht.


Für den 22. Mai um acht Uhr abends hatte Li Jun ein Meeting auf Douyin angesetzt. Ursprünglich wollte er seine Eindrücke von den „zwei Sitzungen“ mit den Bewohnern seines Dorfes teilen. Wer hätte gedacht, dass neben der Dorfgemeinschaft noch 280,000 weitere Douyin-Nutzer das Meeting live mitverfolgen. „Früher musste man bis zum Ende der Konferenz und der Rückkehr nach Sichuan warten, um den Regierungsbericht mit den Dorfbewohnern zu besprechen. Jetzt kann ich die neuesten Gesetzesvorschläge jeden Abend sofort live mit den Menschen im Dorf diskutieren“, erzählt Li Jun.


Li Jun sieht die entscheidenden Vorteile neuer Internettechnologien in der effizienteren Verbreitung von Informationen. „Als Kader, der an der Basis tätig ist und als Vertreter des Nationalen Volkskongresses kann ich sagen, dass die Kommunikation bislang räumlich eingeschränkt war. Viele der Stimmen aus Xiuyun sind nie über die Grenzen des Dorfs hinausgedrungen. Mit Hilfe des Internets haben wir nun mehr Spielraum für die Erfüllung unserer Aufgaben als Basiskader, die Grenzen des ländlichen Raums selbst haben sich damit erweitert.“


Ein Interview Li Juns mit den Medien im Rahmen der „zwei Konferenzen“ erlangt besondere Aufmerksamkeit. In den sozialen Medien wie Weibo ist Li Jun danach auf Platz zwei der Hot-Search-Liste zu finden. Das Thema des Interviews – „Direktvermarktung durch Livestreaming“ liegt im Trend. Während der Corona-Pandemie sind viele Verbraucher zum Livestream-Shopping übergegangen, bei dem Waren mit Hilfe von Live-Präsentationen online vermarktet werden. Auch im ländlichen China wird diese Form der Direktvermarktung zunehmend populär, soll sie doch den ärmeren Bevölkerungsgruppen auf dem Lande einen direkten Zugang zur kaufkräftige Mittelschicht in den Städten ermöglichen.


Im Dorf Xiuyun selbst setzt man hier vor allem auf Qualität denn auf Quantität. Mit seinen Videos geht es Li Jun nicht so sehr darum, kurzfristig den Absatz der landwirtschaftlichen Produktion des Dorfs zu steigern, sondern darum, durch das Präsentieren der lokalen Anbau- und Lebensbedingungen, das Dorf langfristig einem großen Kreis an Online-Nutzern bekannt zu machen und dessen landwirtschaftliche Erzeugnisse als qualitativ hochwertige Produkte zu platzieren, die am Markt hohe Preis erzielen.



Die Wiederbelebung des ländlichen Raums als Chance für die junge Generation


Um einen nachhaltigen Erfolg im Kampf gegen die ländliche Armut zu erzielen, spielt die wirtschaftliche Entwicklung eine wichtige Rolle. Xiuyun liegt tief im Qinba-Gebirge im Norden der Provinz Sichuan. Als abgelegenes und verarmtes Bergdorf mit rückständiger Infrastruktur war es für die dort lebenden Menschen lange Zeit schwierig, ein gutes Einkommen zu generieren und sich aus der Armut zu befreien. Doch in den letzten Jahren ist es Xiuyun gelungen, mit Hilfe des Internets innovative Wege zur Armutsbekämpfung zu beschreiten. So bietet das Dorf zum Beispiel Hochzeitsfeiern in traditionell-ländlichem Umfeld an oder greift auf Konzepte der solidarischen Landwirtschaft zurück, bei der sich urbane Konsumenten an den Kosten für die Nahrungsmittelproduktion beteiligen und im Gegenzug Einblick und Einfluss auf die Produktionsprozesse erhalten. Für die Dorfbewohner zahlt sich dies aus. Die meisten von ihnen wohnen heute in modernen Häusern, verfügen über Ersparnisse und sind sogar stolze Besitzer von Kleinwagen.


Zum einen unterstützt das in Xiuyun etablierte Wirtschaftsmodell die traditionelle kleinbäuerliche Landwirtschaft und die Erzeugung „grüner“ Nahrungsmittel, zum anderen können diese Produkte direkt online bei den urbanen Konsumenten vermarktet werden.


„Gesunde Lebensmittel für Konsumenten, verbesserte Lebensbedingungen für Produzenten“ – für Li Jun ist das eine klassische „win-win“-Situation.

Heute ist Xiuyun nicht nur der Name eines Dorfes, sondern auch ein eigener Markenname. Li Jun ist sich sicher: „Die Zukunft der Landwirtschaft liegt im Branding.“ Wenn es um die Pläne des Dorfes für die Zukunft geht, ist Li Jun voller Zuversicht. „Wir haben vor, eine eigene Restaurantkette zu etablieren, mit zusätzlichen Standorten in Peking und Shanghai. Dieses Jahr werden wir auch damit beginnen, in die Lebensmittelverarbeitung zu investieren, um somit einheitliche hohe Qualitätsstandards unserer Produkte zu garantieren“, so der Dorfkader.


„Mein großes Ziel ist es, Xiuyun zu einer bekannten Marke für ökologisch produzierte Nahrungsmittel zu machen. Für dieses Ziel werde ich mich auch die nächsten 30 Jahre einsetzen“, so hofft der heute 35-jährige Li Jun. Nach dem großen Erdbeben in Sichuan in 2008 war er aus der Provinzhauptstadt Chengdu, wo er nach erfolgreich absolviertem Studium einen Posten bei einer Marketingfirma innehatte, in sein Geburtsdorf zurückgekehrt. Seit 12 Jahren arbeitet er nun bereits als Dorfkader in Xiuyun.


„Ich hatte schon immer einen Faible für das Land und die Landwirtschaft“, so Li Jun, „aber ich habe auch die Chancen gesehen, welche in der Entwicklung des ländlichen Raums liegen.“ Li Jun hat fest vor, den Rest seiner beruflichen Laufbahn in Xiuyun zu verbringen.


Jede Generation hat ihre eigene historische Mission und Verantwortung. Nachdem die „Wiederbelebung des ländlichen Raums“ von der Zentralregierung zur nationalen Entwicklungsstrategie erklärt und sogar in die Parteiverfassung aufgenommen wurde, ist für Li Jun klar: „Der ländliche Raum braucht gebildete junge Menschen. Für uns Junge ist die Entwicklung der ländlichen Regionen eine einmalige Chance.“


Gleichzeitig ist er sich bewusst, dass der Mangel an Interesse an Land und Landwirtschaft bei der jungen Generation ein Problem ist, dass nicht ignoriert werden kann. Politische und finanzielle Anreize seien daher essentiell, um junge Menschen zur Rückkehr in die ländlichen Regionen zu bewegen, damit sie sich dort für die Wiederbelebung der Dörfer einsetzen.


Doch Li Jun ist zuversichtlich: „Das ländliche China der Zukunft wird ein Ort sein, um den uns die Menschen in den Städten beneiden werden.“


 

[1] 付朝欢, 访谈李君:为乡村振兴再奋斗至少30年 让世界看到岫云村的幸福, veröffentlicht online am 28. Mai 2020 unter https://www.thepaper.cn/newsDetail_forward_7595668