• Michaela Boehme

Chinas Corona-Narrativ: Kampf um Deutungshoheit


Bauern bei der Ernte in der Provinz Jiangsu
© CNA | Maskentragende Menschen während der Corona-Pandemie

 

Zhang Weiwei: NEIN zu Menschen mit amerikanischer Geisteshaltung [1]

Übersetzt von Michaela Böhme

 

Anmerkungen zum Text


Sars-Cov-2 ist mehr nur als eine Gesundheitskrise. Es ist auch ein Wettbewerb um Ansehen und Einfluss auf der politischen Weltbühne. Seit Beginn der Pandemie und Chinas anfänglichen Erfolgen bei deren Eindämmung nutzen chinesische Politiker und Intellektuelle das Virus, um die Überlegenheit des eigenen Regierungsmodells zu unterstreichen und der als einseitig und negativ empfundenen Berichterstattung westlicher Medien ein eigenes Narrativ entgegenzusetzen.


Einer von ihnen ist der Politikwissenschaftler und Intellektuelle Zhang Weiwei, Professor für Internationale Beziehungen an der Elite-Universität Fudan in Shanghai, wo er das China Institute leitet. In einem Anfang Mai auf der Webseite der Universität publizierten Artikel erklärt Zhang, dass der Mythos der kulturell-politischen Überlegenheit Amerikas durch die Corona-Pandemie unwiederbringlich erschüttert worden sei.


Für den Politologen sind die um Größenordnungen niedrigeren Todes- und Infektionszahlen Chinas ein klarer Beweis dafür, dass das chinesische Regierungsmodell das überlegene sei, die USA sich hingegen durch ihr mangelhaftes Pandemiemanagement als „gescheiterte Nation“ offenbart hätten. Zwar gäbe es in China noch immer Menschen mit „amerikanischer Geisteshaltung“, die das chinesische Modell kritisieren und amerikanische Verhältnisse in China anstreben würden, jedoch sei ihre Glaubwürdigkeit durch die Corona-Krise unwiederbringlich beschädigt, so der Wissenschaftler.


Zhang ist einer der bekanntesten Vertreter des sogenannten „Beijing Consensus“ – einem Gegenentwurf zur neoliberalen wirtschaftspolitischen Ordnung unter Vorherrschaft der USA. Regelmäßig zu Gast in den staatlichen Medien und mit einer eigenen TV-Show im Gepäck, verteidigt Zhang selbstbewusst die Eigenheiten des chinesischen Entwicklungsmodells. Eine Analyse des Aufstiegs Chinas müsse über die Diskussion um „Demokratie versus Autokratie“ hinausgehen und statt dessen das Ensemble an Institutionen, Prinzipien und Strukturen in den Blick nehmen, mit Hilfe derer China der Aufstieg zur Weltmacht gelungen sei.


In China erreicht Zhang mit seinen Büchern und TV-Auftritten eine breite Öffentlichkeit, jedoch ist er besonders in Kreisen liberaler chinesischer Intellektueller stark umstritten. Neben zahlreichen positiven Reaktionen auf seine Äußerungen zur chinesischen Corona-Strategie wurde Zhang in den sozialen Medien auch für seine einseitige Sichtweise kritisiert, mit der er sich zum Sprachrohr der offiziellen Parteilinie mache.

 

"NEIN zu Menschen mit amerikanischer Geisteshaltung"

von Zhang Weiwei


Vor nicht allzu langer Zeit sorgte ein Ausschnitt eines 2021 aufgenommenen Videos von mir zu Chinas Corona-Maßnahmen für einige Aufregung. Meine Aussage damals: „Die Menschen in China haben eine 500-mal geringe Chance, sich mit COVID-19 zu infizieren oder an dem Virus zu sterben als die Menschen in den USA. Das chinesische Volk war sich der eigenen institutionellen Stärken und der Schwächen der USA noch nie so bewusst wie heute. Niemals war diese Einsicht so direkt, persönlich, konkret und tiefgreifend.“ Es erstaunt mich, dass diese Aussage Kontroversen ausgelöst hat.


Seit dem Ausbruch der Pandemie im Jahr 2020 vergleiche ich ungefähr alle drei Monate die Daten zur Corona-Lage in China und den USA. Die Daten zeigen, dass die Chancen, schwer an Corona zu erkranken oder daran zu versterben in China deutlich geringer sind als in den USA – zu Beginn der Pandemie um den Faktor 100, später um den Faktor 300, 500, schließlich 600. Diese Schlussfolgerungen sind für viele „amerikanisierte“ Menschen schwer zu ertragen. Um die Debatte an sich zu reißen und den Erfolg der chinesischen Corona-Strategie zu leugnen, zeigen sie stattdessen mit dem Finger auf Shanghai und einige der Probleme, die dort während des Lockdowns aufgetreten sind. Das ist einfach nur lächerlich.


Die überwiegende Mehrheit der Chinesen lebt seit mehr als zwei Jahren ohne große pandemiebedingte Einschränkungen. China war die einzige große Volkswirtschaft der Welt, die in Zeiten der Pandemie ein positives Wirtschaftswachstum zu verzeichnen hatte. Der Lockdown in Wuhan war erfolgreich und ebenso waren es die Lockdowns in Shenzhen, Xi'an, Jilin und Tianjin. Warum also hat Shanghai Schwierigkeiten?


Shanghai ist von der nationalen Corona-Strategie abgewichen und wollte seinen eigenen Weg gehen. Doch unter der starken Führung des Zentralkomitees der Partei und der starken Unterstützung der Menschen im ganzen Land ist es jetzt auf dem richtigen Weg. Shanghai ist eine Stadt von Weltformat. Sie wird nach dieser Niederlage wieder aufstehen und weiterkämpfen. Seit dem 27. April ist die Zahl der Neuerkrankungen auf 171 gesunken. Es gibt Licht am Ende des Tunnels.


Es stehen eine Menge Daten zur Verfügung, mit deren Hilfe sich die Pandemie in China und den Vereinigten Staaten vergleichen lässt. Nehmen wir zum Beispiel die Zahlen vom 4. Dezember 2020. Zu diesem Zeitpunkt gab es in den USA bereits 296.148 Corona-Tote, in China 4.634. In absoluten Zahlen gerechnet, war die Sterberate in den USA 64 Mal so hoch wie in China, und das, obwohl China eine 4,2 Mal größere Bevölkerung als die USA hat. In China hatte man damit statistisch gesehen eine 268 Mal geringere Chance, an Corona zu versterben als in den Vereinigten Staaten. Zum gleichen Zeitpunkt hatten sich in den Vereinigten Staaten bereits 15.036.519 Menschen mit Corona infiziert, in China waren es 86.601. In absoluten Zahlen war die Infektionsrate in den USA 173 Mal so hoch wie in China und das Risiko, sich mit Corona anzustecken, 729 Mal höher als in China.


Am 25. November 2021 hielt Doktor Zhong Nanshan [2] auf dem „China Internet Media Forum“ in Guangzhou eine Grundsatzrede und erklärte: „Im Fall einer globalen Gesundheitskrise sollte das höchste Menschenrecht das Recht auf Leben, und damit meine ich das Recht auf ein Leben in Gesundheit sein.“ Geprägt von dem Grundsatz „life first“ und mit tatkräftiger Unterstützung der Medien haben die meisten Menschen ein Bewusstsein dafür entwickelt, in der Öffentlichkeit eine Maske zu tragen und größere Menschenansammlungen zu vermeiden, um damit die Übertragungsrate des Virus zu reduzieren. PCR-Tests und Kontaktverfolgung werden von den allermeisten Menschen unterstützt.


Die Menschen im Lande haben einige Einschränkungen der individuellen Freiheit erfahren, doch dafür ist China das Land mit der geringsten Zahl an Corona-Neuinfektionen und der niedrigsten Sterberate der Welt. Pro 100.000 Menschen infizieren sich in China 8,9 Menschen mit Corona, in den USA ist es ein Mensch unter 1678. Und die Sterberate beträgt in China 0,4 Menschen pro 100.000, verglichen mit 1:606 in den Vereinigten Staaten. […]


Bei Menschen mit amerikanischer Geisteshaltung haben diese Zahlen zu einigen Kontroversen geführt. Selbst mit Blick auf Shanghais Kampf gegen das Virus hängen diese Menschen noch dem amerikanischen Modell des „Einfach-Laufen-Lassens“ an, das Millionen an Toten und 80 Millionen Corona-Infektionen zu verantworten hat. Das chinesische Volk, einschließlich der Menschen in Shanghai, wird niemals zulassen, dass sich der amerikanische Weg der Pandemiebekämpfung bei uns durchsetzen wird, das unser erfolgreiches Modell durch ein gescheitertes Modell ersetzt wird. Natürlich wird sich auch unser Modell der Pandemiebekämpfung im Laufe der Zeit weiterentwickeln und verbessern müssen, doch aktuell ist es dem amerikanischen haushoch überlegen.


Das Erfreuliche hierbei ist: Menschen mit amerikanischer Geisteshaltung können zwar immer noch mit tatkräftiger Unterstützung taiwanesischer Internettrolle die öffentliche Meinung durch Gerüchte und Verleumdungen beeinflussen, doch die Ära ihrer Dominanz ist zu Ende. Das amerikanische Modell ist entzaubert, der Mythos Amerika bei den meisten Chinesinnen und Chinesen, insbesondere der jüngeren Generation, erschüttert.


 

[1] 张维为:对“精神美国人”说NO, veröffentlicht online am 28.04.2022 auf der Webseite der Fudan-Universität unter http://www.cifu.fudan.edu.cn/bf/7a/c413a442234/page.htm


[2] Zhong Nanshan ist ein chinesischer Lungenspezialist und Top-Berater der Regierung bei der Eindämmung der Corona-Pandemie. In einem Mitte April 2022 erschienen Artikel plädierte der Experte für die Ausweitung der Impfkampagne unter der älteren Bevölkerung, um damit eine schrittweise Rückkehr zur Normalität zu ermöglichen. Die Aufrechterhaltung einer Zero-Covid-Strategie sei auf Dauer nicht möglich, so der Experte. Der Artikel fiel bald nach Erscheinen der chinesischen Zensur zum Opfer und ist nur noch in seiner englischen Version und außerhalb Chinas erreichbar.



 

Weitere Informationen zum Thema



Zhang Weiwei im Gespräch mit dem Fernsehsender Al Jazeera über seinen Bestseller "The China Wave", in dem er seine Thesen zu den besonderen Stärken des chinesischen Modells vorstellt, 14. Januar 2012