• Michaela Boehme

Neujahrsfest ohne Heimkehr: Eine Reportage von Zhou Jing

Aktualisiert: 7. Apr. 2021


 

Zhou Jing, "Ein Neujahrsfest ohne Heimkehr" [1]

Übersetzt von Michaela Böhme

 

Anmerkungen zum Text


Jedes Jahr pünktlich zum chinesischen Neujahrsfest, auch Frühlingsfest (chunjie) genannt, findet in China die größte Migrationsbewegung des Planeten statt. Während Betriebe, Läden, Restaurants und öffentliche Einrichtungen für den Zeitraum der offiziellen Feiertagswoche ihre Pforten schließen, befinden sich hunderte Millionen Menschen auf dem Weg von den Großstädten in ihre Heimatorte, um dort gemeinsam mit ihren Familienangehörigen das chinesische Neujahr willkommen zu heißen. Chunyun – Frühlingsbewegung – heißt die 40-tägige Reisephase rund um das Frühlingsfest, die dieses Jahr vom 28. Januar bis 8. März stattfindet.


In China kommt zum Frühlingsfest traditionell die gesamte Familie zusammen. Besonders für Chinas Wanderarbeiter, die weit entfernt von ihren Familien in den Großstädten arbeiten, ist das Frühlingfest oftmals die einzige Gelegenheit im Jahr, enge Familienangehörige einschließlich der eigenen Kinder und Ehepartner zu sehen. Dementsprechend groß sind die Emotionen und Erwartungen, die viele Menschen in China mit dem Frühlingsfest verbinden.


Doch dieses Jahr ist alles anders. Um den an vielen Orten neu aufflammenden Ausbrüchen der Corona-Pandemie Einhalt zu gebieten, hat die chinesische Zentralregierung ein Aktionsprogramm ins Leben gerufen, dass die Menschen dazu auffordert, dieses Jahr nicht in ihre Heimatorte zurückzukehren. Unter dem Slogan „jiudi guonian“ – was in etwa so viel heißt wie „Verbringe das Frühlingfest vor Ort“ – sollen durch eine Reihe gezielter Maßnahmen vor allem Chinas Wanderarbeiter dazu ermutigt werden, auf die Heimkehr zu ihren Familien zu verzichten und das Neujahrsfest an ihren Arbeitsstätten zu verbringen. Dabei bedienen sich die Behörden einer Strategie von „Zuckerbrot und Peitsche“. Monetäre Anreize und Wirtschaftshilfen des Staates werden kombiniert mit strengen Corona-Hygienevorschriften für Rückkehrer - besonders in ländlichen Gebieten.


Staatsmedien und Behörden bewerben die Maßnahmen als wichtigen „Beitrag“ (gongxian) zur nationalen Pandemiebekämpfung und loben die „Opfer“ (xisheng), die die Menschen hierfür bereit sind, zu erbringen. Auch in den sozialen Medien werben viele Menschen für ein „Frühlingsfest vor Ort“. So kann man zum Beispiel in Weibo-Kommentaren lesen:


Wo verbringst du dieses Jahr das Frühlingsfest? Weit weg von zu Hause? Vielen Dank an alle, die das Frühlingsfest vor Ort feiern. Lasst uns jetzt ein Zusammenkommen vermeiden – für ein besseres Wiedersehen hinterher!

Doch die Präventionsmaßnahmen der Regierung zum diesjährigen Frühlingsfest sind auch mit sozialen Kosten verbunden. Besonders für Wanderarbeiter, die meist in prekären Verhältnissen und fernab ihrer Familien leben, ist es oft eine bittere Entscheidung, auf die Heimreise zu verzichten.


Eine Reportage, die auf der WeChat-Plattform „Truman’s Story“ veröffentlicht wurde, gibt Einblicke in die Lebenswelt chinesischer Wanderarbeiter in Peking und das Dilemma, vor dem viele dieser Menschen zum diesjährigen Frühlingsfest stehen.


 

"Ein Neujahrsfest ohne Heimkehr"

von Zhou Jing


In den vergangenen Jahren kam während der Reisewelle zum Frühlingsfest das Leben in Großstädten wie Peking regelmäßig zum Erliegen. Die Städte waren während der Feiertage wie ausgestorben.

Im Kontext der Corona-Maßnahmen hat sich jetzt ein neuer Trend durchgesetzt: das Neujahrsfest an „Ort und Stelle“ zu verbringen. Auf der Video-App Kuaishou sind massenhaft Videos von Menschen zu finden, die dieses Jahr zum Neujahrsfest nicht nach Hause zurückkehren wollen und statt dessen das Internet nutzen, um über die Festtage mit ihren Lieben zusammenzukommen.

Mit der Entscheidung, das Neujahrsfest in den großen Städten zu verbringen, steigt auch der Bedarf an Essens-, Wohn- und Transportdienstleistungen im Vergleich zu den Vorjahren erheblich an.


Zum Glück gibt es hier Menschen aus den unterschiedlichsten Dienstleistungs-Branchen, die aufgrund der Pandemie ebenfalls in den Großstädten gestrandet sind und zum Neujahrsfest nicht nach Hause zurückkehren. Es sind diese ganz gewöhnlichen und unter normalen Umständen unsichtbaren Menschen, die während der Festtage das Leben in jedem Winkel der Großstädte aufrechterhalten.



„Ich kann dieses Jahr nicht nach Hause zurückkommen“


„Schwester, richte Mama von mir aus, dass ich dieses Jahr nicht zum Frühlingsfest zurückkommen kann“. Nachdem Yin Xiaowei die Textnachricht eingetippt und abgesendet hat, schaltet sie das Telefon aus und seufzt.


Die 51-jährige Yin Xiaowei ist Hausangestellte in einem Privathaushalt. 2006 kam sie allein nach Peking und bestreitet seitdem als Haushälterin ihr Auskommen.


Ursprünglich wollte Yin Xiaowei dieses Jahr zum Frühlingsfest zu ihrer Familie zurückkehren. Ihre Heimatstadt ist Qiqihar in Heilongjiang, wo Ende Dezember die ersten vereinzelten Corona-Fälle auftraten. Ihre Familie ermuntert sie, doch recht bald nach Hause zu kommen. Auch wenn die ganze Familie dann in Quarantäne müsse, immerhin könne man so gemeinsam das Frühlingsfest verbringen. Selbst ihre 85-jährige Mutter murmelt am anderen Ende der Leitung: „Komm doch nach Hause zusammen Jiaozi [maultaschenartige Spezialität zum Frühlingsfest] essen.“


Doch Yin Xiaowei hat andere Sorgen, als ihre Heimreise zum Frühlingsfest zu planen. Zu der Zeit hat sie oft nur Kurzzeitjobs. Die Arbeitergeber wechseln ständig. Kaum hat sie sich eingewohnt, steht bereits ein Wechsel in einen neuen Haushalt an. Yin Xiaowei beschließt, bis zu den Feiertagen durchzuarbeiten, um noch etwas Geld in die Kasse zu bringen. Über die Feiertage geht es doch immer etwas spendabler zu.


Wer hätte gedacht, dass einige Tage später die Fälle in Heilongjiang auf einmal in die Höhe schießen würden. Es war zu einem lokalen Ausbruch gekommen. Die Schwester schickt Nachrichten, in denen sie Yin Xiaowei mitteilt, dass in der Wohngegend der Familie ein Halb-Lockdown verhängt wurde.


Kurze Zeit später gibt es weitere Auflagen für Neujahrsfest-Rückkehrer – die Vorlage eines negativen PCR-Tests innerhalb von sieben Tagen und eine 14-tägige häusliche Gesundheitsüberwachung.

Als sie sieht, wie die Bestimmungen von Tag zu Tag strenger werden, verabschiedet sich Yin Xiaowei von dem Gedanken, zum Frühlingfest nach Hause zurückzukehren.


Nach vielen Jahren der Arbeit weit weg von der Familie, macht sich Yin Xiaowei keine besonderen Vorstellungen mehr vom Neujahrsfest. „Ich werde einfach nur um ein Jahr älter“, so schreibt sie in ihr Tagebuch. Während ihre Dienstfamilie zusammen das Neujahrsfest feiert, kann Yin Xiaowei ihre Mutter nur beim Herausbringen des Mülls kurz anrufen. „ Meine Mutter ist schwerhörig, da muss man am Telefon immer so laut sprechen“, erklärt Yin Xiaowei.


Jedes Jahr zum Neujahrsabend lacht sie ihrer Mutter über den Bildschirm zu. Sobald das Telefonat vorbei ist, geht für Yin Xiaowei auch das Neujahrsfest zu Ende.


Viele Kollegen von Yin Xiaowei haben sich ebenfalls dazu entschieden, dass Neujahrsfest bei ihren Dienstfamilien zu verbringen. Einige Agenturen bieten sogar einen speziellen, auf das "Frühlingsfest vor Ort" zugeschnittenen „Frühlingsfest-Service“ an, bei dem eine Haushaltskraft zur Unterstützung beim Kochen und Saubermachen über die Feiertage geordert werden kann. Der Service steht Kunden zwischen 28. Januar und 15. Februar [der offiziellen Feiertagsperiode] zur Verfügung.


Ju Xin ist eine der Haushaltshilfen, die das diesjährige Neujahrsfest bei ihrer Dienstfamilie verbringt. Vor Kurzem hat sie bei Kuaishou ein Video hochgeladen, dass sie dabei zeigt, wie sie den Kühlschrank ihrer Dienstfamilie mit Einkäufen füllt. „Ich werde dieses Jahr das Neujahrsfest bei meiner Dienstfamilie verbringen“, sagt sie. „Das sind all die Dinge, die ich fürs Neujahrsfest eingekauft habe.“ Am Ende fragt sie nach einer kurzen Pause: „Gibt es noch andere Kolleginnen, die dieses Neujahr in den Städten zurückbleiben?“


In den Kommentaren ist zu lesen: „Über die Feiertage verdiene ich mehr als doppelt so viel, da gehe ich nicht nach Hause zurück.“ Andere Frauen aus der Branche, die bereits zu ihren Familien zurückgekehrt sind, schicken Grüße: „Ich bin bereits nach Hause zurückgekehrt. Allen Kolleginnen viel Erfolg!“


Viele Menschen, die dieses Jahr zum Frühlingsfest nicht nach Hause zurückkehren konnten, bringen ihre Gefühle im Internet zum Ausdruck. Ein Wartungsarbeiter der U-Bahn postet ein Video an seine Mutter und spricht in die Kamera: „Damit die U-Bahn auch währen der Feiertage regulär verkehrt, gibt es dieses Jahr zum Frühlingsfest keinen Urlaub. Mama, pass auf dich auf.“ Danach laufen ihm Tränen übers Gesicht. „Keine Sorgen, mach du nur ruhig dort deine Arbeit“, antwortet darauf die Mutter, „den Kleinen zeige ich dir, wenn du wieder nach Hause kommst.“ Mit dem Neujahrsfest vor der Tür, sieht man solche Videos immer häufiger im Internet. Auf Kuaishou ist „Neujahrsfest ohne Heimkehr“ einer der Top-Hashtags.



Gewöhnliche doch unverzichtbare Menschen


Bei Einbruch der Nacht lädt Cui Hao, ein 27-jähriger Obstverkäufer, Obstkisten auf einen Transporter. Nachts sind die Temperaturen niedrig, die Früchte halten sich so besser für den nächsten Tag. Cao Hui betreibt einen mobilen Obststand in Fangshan am Rande Pekings. Auf einer von Bäumen gesäumten Straße am Dorfeingang trifft er seine früheren Kunden.


Eigentlich sollte Cui Hao gar nicht hier sein. Früher hatte er einen festen Stand auf dem Daxing Tuanhe Markt und musste nicht im kalten Winterwind frieren. Doch letztes Jahr wurden aufgrund der schweren Epidemie alle Frischmärkte geschlossen. Statt dessen setzten die Behörden auf mobile Verkaufsstände. Seitdem belädt Cui Hao wieder seinen Lastwagen und verkauft seine Waren auf der Straße.


Letztes Jahr um diese Zeit saß Cui Hao bereits zu Hause auf dem Kang [traditionelles Ofenbett]. Für gewöhnlich trinkt er dann mit seiner Familie eine im Feuer erwärmte Flasche Erguotou [chinesischer Likör]. Leicht benebelt und wohlig in die Decke gekuschelt vertrödelt er so ein paar Tage, bevor er wieder in seinen harten Alltag nach Peking zurückkehrt.


Doch dieses Jahr ist alles anders. Die epidemische Lage in seinem Heimatort ist angespannt, und Cui Hao hat sich die Sache oft durch den Kopf gehen lassen.


Letztes Jahr zum Frühlingsfest hat Cui Hao eine schier endlose Zeit in seinem Heimatort in der Provinz Shandong verbracht. Wie immer hatte er seine Rückreise in seinen Heimatort für den achten Tag des 12. Mondmonats [Datum nach dem chinesischen Mondkalender, gilt als Auftakt zum Frühlingsfest] geplant. Doch mit Ausbruch der Corona-Epidemie am Vorabend des Frühlingsfests saß er auf einmal zu Hause in Shandong fest und sah sich gezwungen, dort wieder auf dem heimischen Feld zu arbeiten. Erst zum 1. Mai gelang es ihm, nach Peking zurückzukehren und dort wieder sein Geschäft aufzunehmen. Aufgrund der wirtschaftlichen Verluste musste er den festen Stand auf dem Pekinger Frischmarkt wieder aufgeben, den er erst nach vier Jahren harter Arbeit hatte anmieten können.


„Ich kann nach Hause zurückkehren, aber ich weiß nicht, ob ich dann reibungslos nach Peking zurückkommen kann“, so äußert Cui Hao seine Besorgnis. Letztes Jahr war für Cui Hao einfach zu viel. Jetzt ist er extrem vorsichtig. Zu Hause hat er dreimal täglich nach den geltenden Quarantäneregeln gefragt, aber keiner konnte ihm eine sichere Auskunft geben.


Im Januar beginnt Cui Hao seine Heimkehr zu planen. Da im Zug die Gefahr besteht, sich mit dem Virus zu infizieren, beschließt er, mit seinem Transporter nach Hause zu fahren. Doch auf der Autobahn muss er einige Corona-Teststationen passieren und befürchtet, dort im Stau stecken zu bleiben. Nach einigen Gewissenskonflikten beißt Cui Hao die Zähne zusammen, ruft seine Mutter an und sagt: „Mama, ich werde dieses Jahr zum Neujahrsfest nicht nach Hause kommen.“


In den vergangenen Jahren ist es in Großstädten wie Peking während des Frühlingsfests immer wieder zu Angebots-Engpässen auf Lebensmittelmärkten, im Lieferservice, in Restaurants und an anderen Orten gekommen. Cui Hao plant, dieses Jahr seinen Obststand bereits am dritten Neujahrstag nach dem chinesischen Mondkalender wieder zu öffnen.


[…]


Auch die 24-jährige „Liu Yi“ [„1. Juni“, ein auf den internationalen Kindertag anspielender Spitzname], kann dieses Jahr zum Frühlingsfest nicht nach Hause zurückkehren.


Für die junge Frau, die vor zwei Jahren alleine nach Peking kam, um hier zu arbeiten, ist es das erste Mal in ihrem Leben. Es ist die Corona-Epidemie, die Liu Yi darin hindert, aus Peking in ihr Heimatdorf in der Provinz Heilongjiang zurückzukehren.


Liu Yi will Peking nicht verlassen. „Bis ich zu Hause die Quarantäne hinter mich gebracht habe, sind die Feiertage vorbei. In Peking zu bleiben ist besser und auch sicherer.“


Als Liu Yis Mutter davon erfährt, dass ihre Tochter in Peking bleiben wird, beschließt sie, dieser einige Neujahrspräsente zu schicken. Doch ihre Pläne können nicht mit der sich rasant verändernden epidemischen Lage Schritt halten. Eine nach der anderen stellen die Paketshops die Express-Lieferungen von und in die Städte Suihua und Qiqihar in der Provinz Heilongjiang ein. Am Ende erreicht das Paket der Mutter Liu Yi nicht.


Liu Yi tröstet ihre Mutter und sagt: „Am Neujahrsabend mache ich mir selber etwas Gutes zu essen.“ Sie ist mit ihrer Familie zum Video-Chat verabredet, um gemeinsam ins neue Jahr zu kommen.


Liu Yi hat vor, während der Feiertage durchzuarbeiten. Am Morgen ist sie unter den Fahrern eines Essenlieferdiensts, besteigt ihren Elektroroller und macht sich auf den Weg, Bestellungen an die Kunden auszuliefern. Für sie und ihre Kunden ist das eine „Win-Win“ Situation. Liu Yi verdient doppelt so viel wie an normalen Tagen, und die jungen Arbeitsmigranten, die dieses Frühjahrsfest in Peking gestrandet sind, müssen sich keine Sorgen machen, wer ihnen das im Internet bestellte Essen bringen soll.


Eigentlich ist Liu Yis Arbeit als Fahrerin eines Lieferdiensts nur eine Notlösung. Im November 2019 war sie in einen Unfall mit einem anderen Elektroroller verwickelt. Eine Stahlplatte in ihrem Knöchel zeugt noch heute davon. Es hat lange gedauert, bis die Verletzung verheilt ist. Jetzt kann Liu Yi nicht mehr lange Zeit am Stück stehen oder sitzen, für Büroarbeit ist sie nicht mehr geeignet. Sie hat sich daher entschlossen, auf eigene Kappe für einen Lieferdienst zu arbeiten. So kann sie sich ihre Zeit relativ frei einteilen und die Anzahl der Bestellungen, die sie annimmt, an ihre Bedürfnisse anpassen.


Im Sommer liefert sie gewöhnlich Bestellungen zwischen acht Uhr morgens und zwei Uhr nachmittags aus. Nach einer Mittagspause arbeitet sie dann von fünf Uhr nachmittags bis abends um neun. Im Winter ist sie nur den halben Tag unterwegs, da die Stahlplatte in ihrem Knöchel keine Kälte verträgt.


Auf Kuaishou ist Liu Yi unter den Lieferdienst-Fahrern sehr bekannt. Sie hat ein Babygesicht, und die auf ihrer Kuaishou-Homepage hochgeladenen Videos haben nichts mit der Arbeit zu tun. In den Videos sieht man sie, wie sie in den Pausen zwischen zwei Bestellungen Lieder singt.


Aufgrund ihrer Arbeit sieht man im Hintergrund ihrer Videos immer den geschäftigen Verkehr der Pekinger Straßenzüge, auf denen sie unterwegs ist. Wenn man sie jedoch im echten Leben in ihrer gelben Lieferweste und Helm so sieht, würde man nicht denken, dass sie sich von den anderen Fahrern unterscheidet.


Wen Liu Yi auf ihrem Scooter durch die Stadt fährt, fühlt sie sich oft wie ein sich selbst überlassenes Kind. „Als selbständiger Lieferdienst-Fahrer fühlt man sich wie ein Kind, um das sich niemand kümmert. Man fährt von Bestellung zu Bestellung, man hat keine Kollegen und ist ganz für sich allein.“



Vorbeiziehende Gesichter


Am Ende eines Arbeitstags sitzt Liu Yi gerne auf ihrem Elektroroller, richtet die Kamera auf sich und singt selbstvergessen Lieder an der Straßenecke. Sie erklärt, dies sei ihr Hobby und ihre Art und Weise, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Um welche Art von Gefühlen es dabei genau geht, dazu sagt Liu Yi nichts. Nur ihre kurzen Videos geben darauf eine Antwort.


Manchmal postet sie Videos auf Kuaishou, in denen sie nachts am Straßenrand hockt und Dinge sagt wie: „Was soll so gut an Peking sein? Das hier ist alles nicht meins.“


Manchmal macht sie auch ihrem Ärger Luft, wenn sie wegen einer verspäteten Lieferung von den Kunden ungerecht behandelt wird. Diese Dinge liegen nun Mal außerhalb ihrer Kontrolle. Wenn das Restaurant zu lange braucht, um das Essen fertig zu machen oder zu viele Ampeln auf rot stehen, kommt es nun mal zu Verspätungen. „Heute bin ich wieder bei einer Lieferung zu spät dran gewesen, für diese Bestellung bin ich ganz umsonst gefahren“, schmollt sie gekränkt in die Kamera. „Ich will ja nicht zu spät kommen. Ihr sitzt in euren Büros, ich bin bei Wind und Wetter draußen und bringe euch das Essen.“


Diese Videos sind eine Weile auf ihrer Kuaishou-Homepage zu sehen, dann löscht Liu Yi sie wieder. Am Ende bleiben nur die Videos übrig, auf denen man sie singen sieht. Es scheint, als ob sie ihre Traurigkeit zusammen mit dem Video löscht. Am nächsten Morgen wartet ein weiterer Tag harter Arbeit als Lieferdienst-Fahrerin auf sie.


Auch Yin Xiaowei fühlt sich oft wie eine Außenseiterin. In den 15 Jahren, in denen sie in Peking ist, hatte sie nie eine eigene Unterkunft. Eine Wohnung mietet sie nicht. Vor der Epidemie kümmerte sie sich hauptsächlich um alte Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder arbeitete für Familien mit Kindern. Um rund um die Uhr für ihre Dienstfamilien da zu sein, wohnte sie direkt bei ihren Arbeitgebern. Gelegentlich, wenn es Zeit zwischen zwei Anstellungen zu überbrücken galt, schlief Yin Xiaowei im Büro der Hausservice-Firma, bei der sie angestellt ist.


Im Laufe der vergangenen Jahre hat Yin Xiaowei selten eine Auszeit gehabt. Die meiste Ruhe in letzer Zeit hatte sie vor ein paar Tagen nach einem kleinen Unfall. An jenem Tag war sie damit beschäftigt, Fertignudeln zu kochen. Auf einmal brodelte das Wasser heftig auf und floss über. Heißes Wasser spritze ihr über die Füße und verursachte eine Brandblase. Danach war ihr das Laufen unmöglich und somit natürlich auch das Arbeiten.

„Die Arbeit ist endlos. Nur beim Essen kann ich mich kurz hinsetzen und ausruhen“, sagt Yin Xiaowei. Zu ihren Pflichten gehört es, morgens um sechs vor ihrer Dienstfamilie aufzustehen, etwas aufzuräumen und für die gesamte Dienstfamilie das Frühstück vorzubereiten. Wenn ihre Arbeitgeber nach dem Frühstück die Wohnung verlassen, besorgt Yin Xiaowei die Einkäufe, kocht das Essen und kümmert sich bis in die Nacht hinein um die Kinder oder älteren Menschen ihrer Dienstfamilie. Manchmal erhält sie von ihren Arbeitgebern gesonderte Aufträge, wie ein Mal pro Woche das Kinderspielzeug gründlich zu reinigen oder die Wäsche mit der Hand vorzuwaschen, bevor sie sie in die Waschmaschine steckt. Yin Xiaowei erledigt auch diese Aufgaben.


Sie weiß, dass sie für viele ihrer Arbeitgeber nur eine Dienstleisterin ist und nicht als Teil der Familie angesehen wird. Yin Xiaowei macht sich keine extravaganten Hoffnungen, doch hat sie in der Vergangenheit deswegen schon manche Ungerechtigkeit erfahren müssen.


2017 betreut sie in Peking eine alte Frau, die an Nierenversagen leidet. Die alte Frau kann sich nur unzureichend selber versorgen und muss regelmäßig zur Dialyse. Yin Xiaowei wird von den Kindern der alten Frau angestellt, um deren Versorgung sicherzustellen. Für Yin Xiaowei wird eine Schlafgelegenheit auf dem verglasten Balkon der Wohnung bereitgestellt. Dort ist es immer Sommer schwülheiß und im Winter eisig kalt, da es keinen Heizkörper gibt und die Kälte durch die Fensterritzen ungehindert eindringt. Yin Xiaowei kann die Kälte nicht ertragen und bittet ihre Dienstfamilie um eine Heizdecke, doch diese lehnt sofort ab. Es sei besser sie friere ein wenig als eine Heizdecke zu verwenden. Im Falle eines Brandes sei der Schaden zu groß.


Yin Xiaowei weiß nicht, was sie darauf antworten soll. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich jede Nacht fest in ihre Decke einzuwickeln und zitternd zu versuchen, trotz der Kälte zu schlafen. Yin Xiaowei sagt, dass sie mit ihrer Arbeit die restliche Gesundheit ihres Lebens verspielt. Die harte Arbeit hat ihren Körper krank gemacht. Sobald sie sich erkältet, schmerzen ihr Rücken, Taille und Beine.


Doch es gibt auch gute Dienstfamilien, gesteht Yin Xiaowei zu. Sie erzählt von einer Arbeitgeberin mit einer großen Wohnung. Trotz sehr guter Familienverhältnisse ist die Frau kein bisschen arrogant. Während des Frühlingsfests mit der Dienstfamilie erhält Yin Xiaowei von der Arbeitgeberin einen hongbao [traditionelles Geldgeschenk in einem roten Umschlag] und neue Kleidung. Yin Xiaowei ist gerührt. Bis heute hat sie diese Arbeitgeberin in guter Erinnerung. „Es geht nicht darum ,wieviel Geld sie mir gegeben hat, sondern darum, dass sie meine Arbeit anerkannt hat“, sagt Yin Xiaowei. Für Yin Xiaowei geht es nicht um materielle Zuwendungen, sondern darum, von der Stadtbevölkerung für den Beitrag, den sie leistet, respektiert zu werden.


In einer Großstadt sind Menschen wie Yin Xiaowei oder Liu Yi leicht zu übersehen, doch machen sie den wirklichen Charakter einer Stadt aus. Während des diesjährigen Frühlingfests, sind sie noch unverzichtbarer als sonst.



Frühlingsfest vor Ort


Die diesjährigen Corona-Maßnahmen bedeuten auch, dass viele Städter mit Reiseplänen das Frühlingsfest zu Hause verbringen müssen. Auch Xin Hongliang gehört dazu. Er betreibt eine Jugendherberge in der Stadt Jinan in Shandong. Nach dem plötzlichen Corona-Ausbruch in der nördlich von Peking gelegenen Provinzhauptstadt Shijiazhuang waren viele von dort kommende Studenten und Arbeiter auf einmal in Jinan gestrandet und konnte zum Frühlingsfest nicht nach Hause zurückkehren. Xin Hongliang beschließt, diesen Menschen zu helfen.


Am 17. Januar postet er auf WeChat folgende Nachricht: „An alle Studenten und Arbeiter aus Shijiazhuang, die aufgrund der Pandemie nicht nach Hause zurückkehren können: Eine Jugendherberge in Jinan bietet euch eine kostenlose Unterkunft. Wenn Bedarf ist, könnt ihr hier das chinesische Neujahr verbringen.“


Schnell stellt sich heraus, dass nicht nur Menschen aus Shijiazhuang Hilfe benötigen. Xin Hongliang erhält einen Anruf eines jungen Mannes aus Tai’an, Shandong. Anfang Januar kam er von einer Dienstreise aus Shijiazhuang nach Jinan. Nach dem Corona-Ausbruch konnte er weder zu seiner Firma nach Shijiazhuang noch nach Tai’an in seine Heimatstadt zurückkehren. Xin Hongliang stellt ihm ein kostenloses Zimmer zur Verfügung.


Ein Freund lädt Xin Hongliangs Angebot einer kostenlosen Unterkunft auf Kuaishou hoch. Ursprünglich wollte er damit nur Xin Hongliangs Nachricht verbreiten, doch das Video erntet viel Lob von anderen Nutzern. Manche Menschen loben Xin Hongliang für seine Großherzigkeit, andere sehen in ihm ein Vorbild für Mitmenschlichkeit.


Obwohl er nur aus Hilfsbereitschaft handelt, nimmt Xin Hongliang die Sache nicht auf die leichte Schulter. Er kauft eine große Menge an Masken, Thermometern, Desinfektionsmitteln und bittet seine Gäste, beim Einchecken einen negativen PCR-Test vorzulegen.


Xin Hongliangs Aktion beginnt bald auch außerhalb seines Freundeskreises Wellen zu schlagen und Unterstützung zu finden. Auf einmal gehen viele „ungewöhnliche“ Buchungen bei ihm ein. Manche Internet-Nutzer machen Xin Hongliangs Jugendherberge auf Online-Reiseportalen ausfindig, buchen eine Unterkunft und hinterlassen dabei Nachrichten wie: „Für die kostenlose Unterkunft steuere ich auch etwas Geld bei.“ Xin Hongliang ist sehr gerührt, aber das Geld nimmt er nicht an. „Ich mache das nicht, um Geld zu verdienen“, sagt er.


Vor einigen Tagen bringt eine 25-jährige junge Frau aus Jinan mit einem Transportwagen acht Kisten Milch vorbei und hinterlässt folgende Nachricht: „Ich komme auch aus Jinan. Ich möchte es Ihnen nachtun und auch mein bestes geben. Hier sind einige Kisten Milch und warme Grüße an alle Menschen, die hier in Jinan gestrandet sind.“


Xin Hongliang hätte nicht erwartet, dass seine kleine Aktion dermaßen große Kreise ziehen und eine solche herzerwärmende Kraft entfalten würde.


Für den Neujahrsabend planen Xin Hongliang und seine Familie ein Neujahrsessen mit allen Menschen, die aktuell in Xin Hongliangs Jugendherberge untergebracht sind. „Mutter macht Jiaozi, Vater kocht die anderen Festtagsgerichte. Selbst meine Tochter will mir bei den Vorbereitungen zur Hand gehen und das Neujahr mit unseren hier gestrandeten Freunden verbringen.“


Für diese verwandelt Xin Hongliangs Großherzigkeit ein einsames Frühlingsfest fernab der Familie in ein Frühlingsfest voller Wärme. Doch auch die in den Großstädten gestrandeten Arbeiter warten auf ein Ende der Epidemie. Sobald die Frühlingsblüten blühen, wollen sie ein Ticket für die Rückkehr nach Hause buchen.


[…]


In den 15 Jahren, in denen Yin Xiaowei in Peking lebt, ist sie nur zwei Mal fürs Frühlingsfest nach Hause zurückgekehrt. Letztes Jahr über die Neujahrstage erhält sie plötzlich ein Angebot von ihrem Arbeitgeber, sich doch zwei Tage frei zu nehmen. Für das Kaufen einer Fahrkarte nach Hause ist es zu spät, sodass Yin Xiaowei nichts anderes übrig bleibt, als das Frühlingsfest alleine in Peking zu feiern. Trotzdem hat sie letztes Frühlingsfest in ganz besonderer Erinnerung, da sie endlich einmal nicht arbeiten musste.


Yin Xiaowei mietet sich in der Wohnung einer Freundin ein. Die Wohnung liegt am Rande der Stadt, ist nur etwas mehr als zehn Quadratmeter groß und mit einem Einzelbett, Schreibtisch, Kleiderschrank und Toilette ausgestattet. Eine Kochgelegenheit gibt es nicht. Da sie sich selber kein Essen machen kann und über das Frühlingsfest auch Restaurants und kleine Geschäfte geschlossen sind, läuft Yin Xiaowei ein paar Kilometer, bis sie einen kleinen Supermarkt findet. Dort kauft sie eine große Tüte Instantnudeln, Brot, Kekse und anderes Knabberzeug. Fürs Essen ist damit gesorgt.


Nach dem Essen setzt sich Yin Xiaowei eine Maske auf und dreht draußen alleine ein Runde. Dies ist das erste Mal, dass sie so ziellos unterwegs ist. Gemächlich läuft sie entlang und betrachtet die Stadt, in der sie seit 15 Jahren schuftet.


Damals ist das Wohngebiet am Rande der Stadt bereits leergefegt. Die dort lebenden Wanderarbeiter haben sich bereits auf die Heimreise zu ihren Familien in alle Richtungen zerstreut, und die Straßen liegen ruhig und verlassen da. Auf den Gleisen, die das Wohngebiet umgeben, fahren zwei grüne Eisenbahnwaggons vorbei, in den Waggons sitzt niemand. Auch die U-Bahn ist vollkommen leer und noch stiller und verlassener als es sonst die letzte U-Bahn des Tages ist. Yin Xiaowei steht eine Weile da und denkt, dass diese Situation für den Höhepunkt der Frühlingsfest-Reisewelle wirklich ungewöhnlich ist.


Dieses Jahr wird es in Peking wohl nicht so einsam werden. Nach einem Frühlingsfest, dass von so vielen Menschen „vor Ort“ verbracht wird, wird es in den Straßen Pekings endlich einmal nach Feuerwerk riechen.


Wie man in einem anderen Gedicht von Yin Xiaowei lesen kann: „Zum Neujahrsessen bereitet jede Familie zusammen Jiaozi zu und versteckt darin Münzen. Auch ich kann noch immer die Süße schmecken. In meinen Kindheitserinnerungen ist nur das Frühlingsfest süß. Jahr für Jahr ist das so. Im Nachgeschmack meiner Erinnerungen, in meinem geschäftigen Treiben laufen die Jahre nur so dahin.“



 

[1] 周婧: 打工人第一次在北上广过年, veröffentlicht online am 05. Februar 2021 unter

https://mp.weixin.qq.com/s/oikJS1LZ3QnYMz8BPcLlFw


 


Filme zum Thema



Dokumentarfilm „Four Springs“, 2019

Amateurfilmer und Wanderarbeiter Lu Qingyi dokumentiert die alljährlichen Frühlingsfest-Treffen seiner Familie in Guizhou. Mit Kleinstbudget gedreht, wurde der Film 2019 zum Überraschungserfolg in den chinesischen Kinos.




Dokumentarfilm „Der letzte Zug“, 2009

Fan Lixing erzählt die Geschichte einer Wanderarbeiterfamilie aus der Provinz Sichuan und ihre mit dem Frühlingsfest verbundenen Strapazen und Hoffnungen.