• Michaela Boehme

"996"-Arbeitskultur in Chinas Techbranche

Aktualisiert: 7. Apr. 2021


 

Xu Longjiang, "Die „996“-Arbeitskultur der Internetgiganten" [1]

Übersetzt von Michaela Böhme

 

Anmerkungen zum Text


Nach dem Tod zweier Mitarbeiter der chinesischen E-Commerce-Firma Pinduoduo im Dezember letzten Jahres steht die Überstundenkultur der chinesischen Tech- und Internetbranche in der Kritik. In den Startups und etablierten Unternehmen des boomenden Onlinesektors ist es für Angestellte üblich, von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends zu arbeiten – und dies sechs Tage die Woche. 996 (auf Chinesisch: jiu jiu liu) wird diese Arbeitskultur im Volksmund genannt. Dabei werden die geleisteten Überstunden im Normalfall nicht vergütet. Mehr noch, die 72-Stunden-Arbeitswoche widerspricht klar dem chinesischen Arbeitsgesetz, das ein Maximum an 36 Überstunden pro Monat und eine gesonderte Vergütung der geleisteten Überstunden vorsieht. Doch Chinas prestigeträchtige Online-Unternehmen wie Alibaba, JD.com oder Xiaomi scheinen die Arbeitsgesetzte straflos brechen zu können. Die Tatsache, dass sich die Führungskräfte dieser Unternehmen in der Vergangenheit mehrfach für das 996-Modell ausgesprochen haben – Jack Ma nannte es gar einen „Segen“ für die Mitarbeiter – hat eine heftige Debatte in der chinesischen Öffentlichkeit ausgelöst.


Die hier präsentierte Reportage von Xu Longjiang aus dem Online-Magazin NOW (quanxianzai) basiert auf Interviews mit jungen Angestellten aus der Onlinebranche und gibt einen Einblick in die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und den Druck, dem die Mitarbeiter dieser Firmen ausgesetzt sind. Zur gleichen Zeit wird jedoch auch deutlich, dass das Renommee und die hohen Gehälter, die für qualifizierte Mitarbeiter gezahlt werden, für viele junge Chinesinnen und Chinesen einen Anreiz darstellen, dem sie sich schwer entziehen können. Für junge Menschen, die beruflich ambitioniert sind und Karriere machen wollen, ist die Tech- und Internetbranche meist immer noch die beste Wahl. Damit unterscheidet sich die Position der hier porträtierten Personen wesentlich von der der vielen Lieferanten, Fahrer und Zulieferer, die für Online-Dienste arbeiten und dabei sowohl unter den langen Arbeitszeiten als auch niedrigen Gehältern leiden.


Letzten Endes zeigt der Artikel den hohen Preis auf, den gnadenloser Wettbewerb und ungebremstes Profitstreben von der arbeitenden Bevölkerung fordern. Der Widerspruch zwischen dem Anspruch der chinesischen Führung, eine „moderne, sozialistische Gesellschaft“ aufbauen zu wollen und den vielfachen kapitalistischen Auswüchsen, die das Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte erzeugt hat, tritt hier klar zu Tage.


 

"Die „996“-Arbeitskultur der Internetgiganten: Viele junge Menschen sind noch immer bereit, für ein gutes Gehalt 72 Stunden die Woche zu arbeiten"

Reportage von Xu Longjiang



Spricht man von der „996“-Woche, würde man eigentlich erwarten, dass die meisten jungen Menschen diese ablehnen. Umso erstaunlicher, dass viele dazu sagen: „996, das ist doch halb so schlimm.“


Letztes Jahr veröffentlichte das Liepin-Forschungsinstitut eine Studie, in der in den 1990ger Jahren geborene Chinesinnen und Chinesen zu ihrer Einstellung bezüglich der „996“-Arbeitskultur befragt wurden. Auf die Frage „Wären Sie bereit, 72 Stunden pro Woche zu arbeiten?“ antworteten 78,52 Prozent der Studienteilnehmer mit „Ja, bei entsprechend hohem Gehalt“ und nur 11,98 Prozent mit „Nein, egal zu welchem Gehalt“. Die restlichen 9,51 Prozent der Befragten gaben an, dass sie eine 72-Stunden-Woche akzeptieren würden, da diese ohnehin „alternativlos“ sei.


Die mit dem Internet großgewordene Generation der nach 1990 Geborenen mag sich damit schwer tun, Top-Unternehmen im Energie-, Fertigungs-, Chemie oder Servicesektor zu benennen, doch mit den führenden Unternehmen der Tech- und Internetbranche ist sie bestens vertraut. Egal ob es sich um etablierte Giganten wie Baidu, Alibaba und Tencent oder um Newcomer wie Pinduoduo, Meituan oder Didi [2] handelt, junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wissen nicht nur Bescheid, welche Firma zu welchem Konzernimperium gehört, sondern auch, in wessen Kantine es am besten schmeckt und wo die Toilettenschlange am längsten ist.


Darüber, dass das gesamte Leben von der Arbeit beherrscht wird, klagen sie, aber letzten Endes handle es sich bei der 72-Stunden-Woche nun mal um eine Tatsache, deren Hintergründe komplex seien, so sagen die meisten von ihnen.


Viele Mitarbeiter kehren den Tech- und Onlinegiganten zwar zwischenzeitlich den Rücken, entscheiden sich jedoch letztendlich oft wieder erneut dazu, in der Branche zu arbeiten.



„Wenn schon eine Internetfirma, dann nur die Größte und Beste“


Es ist am achten März um ein Uhr morgens. Im Fahrstuhl der Internetfirma, für die Gu Yingying arbeitet, sieht man eine Gruppe junger Menschen, wie sie nach beendeter Arbeit per Handy-App ein Taxi für den Heimweg ordern. Ihre Gesichter sind grau und ausdrucklos. Mit müden Augen verfolgen sie den Fahrtverlauf der kleinen Fahrzeuge auf ihren Handybildschirmen.


Vor dem verlassen des Büros hat Gu Yingying noch einen letzten Blick auf ihren Rechner geworfen. Auf der Webseite, die ihr Unternehmen betreibt, sieht alles normal aus. Dann greift sie sich ihren Wollmantel von der Stuhllehne, wickelt sich fest darin ein und verlässt das Firmengebäude. Im März versprühen die Kirschblüten in Shanghai bereits einen Hauch von Frühling, in den Straßen tragen die jungen Frauen bereits Nylonstrumpfhosen und kurze Röcke. Tagsüber war auch Gu Yingying in lässigem Sweater, kurzem Rock und Stiefeln unterwegs. Ihrem Stil nach zu urteilen, ist die 25-jährige, aus der Provinz Zhejiang stammende Gu Yingying, bereits voll und ganz zur Shanghaierin geworden. Ihren dicken Wollmantel hat sie sich extra für die zu erwartenden langen Überstunden bis in den frühen Morgen mitgenommen.


Bei der gerade beendeten Marketingkampagne zum Frauentag handelt es sich für das E-Commerce-Unternehmen, bei dem Gu Yingying tätig ist, um die erste große Werbeaktion des Jahres. Gu Yingying ist Teil des speziellen Kampagnenteams, das bereits einen halben Monat vor Beginn der Werbeaktion von Mitarbeitern aus unterschiedlichen Abteilungen des Unternehmens gebildet wurde. Während der Aktionstage selbst sitzt das aus rund einem Dutzend Mitarbeitern bestehende Team den gesamten Tag über in einem eigenen Besprechungsraum zusammen, analysiert das Verkaufsgeschehen auf den gegnerischen und der eigenen Plattform und steuert die Kampagne durch Werbeslogans, Seitenplatzierungen, verkaufsstrategische Entscheidungen usw., um so den maximalen Erfolg sicherzustellen. Mit Beginn der Kampagne sind alle Teammitglieder den gesamten Tag bis in die frühen Morgenstunden online und wachen darüber, dass die Plattform stabil läuft und keine Fehler auftreten.


Bereits seit zwei Jahren führt Gu Yingying diese Art von Leben.


Als Marketing-Managerin einer E-Commerce-Plattform wird ihr Leben von den fünf großen Online-Shoppingevents des Jahres bestimmt. Vom Frauentag am achten März bis zum Jahresendshopping kurz vor dem Frühlingsfest Ende Januar oder Anfang Februar, jede Aktion ist mit einem ähnlich hohen Arbeitseinsatz verbunden. Ihre Lebensziele waren für Gu Yingying schon immer von zwei Extremen geprägt: „Ich will entweder richtig viel Kohle mit dem Internet verdienen oder einfach nur abhängen und faulenzen.“


Nach dem Universitätsabschluss entscheiden sich die meisten von Gu Yingyings Kommilitonen, an der Uni zu bleiben, um dort als Dozenten tätig zu sein. Doch für Gu Yingying ist die Lehrtätigkeit gleichbedeutend mit Leerlauf und Gleichförmigkeit. Ihre Eltern sind beide Hochschuldozenten. Oft haben sie versucht, ihre Tochter zu überzeugen: „Eine Tätigkeit als Dozentin ist eine gute Sache. Man hat im Winter und im Sommer Semesterferien und kann sich seine Zeit frei einteilen.“


Aber in Gu Yingyings Lebensplan steht der Dozentenberuf an letzter Stelle. „Wenn ich nach dem Abschluss Dozentin werden würde, würde ich das für den Rest meines Lebens machen.“ Diese Art von Lebensweg ist für Gu Yingying zu einfallslos.


Nach ihrem Abschluss beschließt Gu Yingying, die in den Augen ihrer Freunden als „mutig, aufmerksam und durchsetzungsfähig“ gilt, sich bei einem der Internet-Giganten zu bewerben. 2015 entstehen in China am laufenden Band neue Internetfirmen und die Cafés im Pekinger Startup-Viertel Zhongguancun sind vollgepackt mit Investoren und Gründern, die über die Finanzierung von Projekten in Millionenhöhe verhandeln.


Gu Yingying selber hat Startup-Unternehmen dieser Art nie in Betracht gezogen. Für sie gilt: „Wenn schon eine Internetfirma, dann nur die Größte und Beste.“ Ihr Ziel ist Alibaba. 2014 hatte das Unternehmen gerade mit dem größten Börsengang der Welt an der New Yorker Börse Geschichte geschrieben und war nun dabei, in strategisch wichtige Bereiche zu expandieren. Aus Gu Yingyings Sicht ist Alibaba die absolute Nummer eins unter Chinas Internetfirmen.


Damals ist Gu Yingying die Einzige aus ihrer Klasse, die sich bei einem Internet-Unternehmen bewirbt. Bei der Shanghaier Niederlassung von Alibaba wird sie anstandslos eingestellt.


Zu Beginn erscheint ihr alles im Unternehmen als jung und frisch. Kampfkunstemotive aus den Romanen von Jin Yong [3] dominieren die Atmosphäre, anstelle von Jack Mas Büro spricht man von der „Pfirsichblüteninsel“, Tagungsräume und Toiletten erhalten Phantasienamen wie „Lichtgipfel“ oder „Regenstube“ und unter Kollegen spricht man sich nicht mit Titel sondern mit seinem jeweiligen Online-Spitznahmen an, so als würden sich Internetnutzer miteinander unterhalten. Gleichzeitig bietet der Alibaba-Campus seinen Angestellten alles, was man zum Leben braucht. Von Frisörgeschäften über Massagesalons bis hin zu Supermärkten oder Fitnessstudios – alles kann am Arbeitsplatz erledigt werden. Damals hieß es noch, die Internetbranche würde sich umfassend um das Wohl ihrer Mitarbeiter kümmern.


Für junge Talente liegt der größte Reiz der Internetfirmen jedoch bei den hohen Gehältern, die gezahlt werden. Im ersten Jahr bei Alibaba verdient Gu Yingying bereits circa 7000 Yuan im Monat. Von ihren Kommilitonen werden die meisten hingegen nach dem Tarifsystem des öffentlichen Dienstes bezahlt. Als Berufseinsteiger ist ihr Gehalt um mindestens 20 Prozent niedriger als das von Gu Yingying.


Doch was ihr an ihrem Beruf am meisten gefällt sind die Kontakte zu ausländischen Partnerfirmen. Wenn Vertreter ausländischer Firmen vor Ort sind, führt sie diese als „Reiseleiterin“ durch Shanghai, zeigt ihnen hippe Bars in der Nähe des Jing’an-Tempels und flaniert mit ihnen entlang des Bundes. Beeindruckt vom schillernden Panorama der Promenadestraße sagen ihre ausländischen Gäste dann Dinge wie: „Ich hätte gar nicht gedacht, dass China so fortschrittlich ist.“ Gu Yingying freut das, macht es ihr doch auch ihren eigenen Wert bewusst.



Wir verbessern die Welt, aber lassen wir dabei nicht auch eine Gruppe Menschen zurück?


Xiewei hat sich für eine Karriere in der Techbranche entschieden, weil sie findet, dass man so am ehesten die Welt verändern kann. Seit Beginn ihres Studiums hat sie sich in den Kopf gesetzt, später bei einem großen Technologiekonzern arbeiten zu wollen. Diese Entscheidung geht auf ihr großes Idol – Steve Jobs – zurück. Während ihre Mitschüler auf dem Gymnasium für koreanische Stars schwärmen, liest sich Xiewei Wissen über Steve Jobs auf englischsprachigen Seiten im Internet an. Als sie sieht, wie sich mit dem Release des iPhone 4 die Logik der Welt verändert, beschließt sie, Produktmanagerin zu werden.


Obwohl sie an der Universität im Hauptfach Japanisch studiert, ist sie entschlossen, hart für die Erfüllung ihres Traums zu arbeiten. Auf Zhihu – Chinas größter Q&A-Plattform – informiert sie sich täglich über alles, was mit Internettechnologie zu tun hat. Als sie kurz vor Abschluss ihres Studiums auf der Suche nach einer Praktikumsstelle ist, kontaktiert sie über Zhihu kurzerhand einen Produktmanager. In einer langen Nachricht schreibt Xiewei von ihrem Wissen und ihrer Begeisterung für die Branche. Vielleicht von Xieweis Aufrichtigkeit bewegt oder aus Hilfsbereitschaft gegenüber einem leidenschaftlichen jungen Menschen empfiehlt ihr der Produktmanager tatsächlich zwei Möglichkeiten für ein Praktikum. Beim ersten Interview scheitert Xiewei an den reichen Praktikumserfahrungen ihres Mitbewerbers doch beim zweiten Interview klappt alles reibungslos.


Im Besitz eines heißbegehrten Praktikumsplatzes erledigt Xiewei alle ihr zugewiesenen Arbeiten besonders gut. Fordert ihre Abteilung ein Datenblatt von ihr an, erstellt sie gleich ein ganzes Diagramm, um damit die Vorgänge besser abzubilden. Nie verlässt sie das Büro vor acht Uhr abends.


Xiewei erscheint alles wie ein Traum. Die Firma, für die sie arbeitet, ändert mit ihrer Technologie die Art und Weise, wie sich Menschen in den Großstädten fortbewegen. Auf Knopfdruck kann man über eine Handy-App ein Taxi anfordern.


Doch eines morgens regen sich erste Zweifel in ihr. Als Xiewei zum morgendlichen Joggen ihre Wohnung verlässt, sieht sie am Straßenrand einen alten Mann stehen, der versucht, mit der Hand ein Taxi zu rufen. Als sie nach ihrer Runde von drei, vier Kilometern wieder zurückkommt, steht der alte Mann noch immer an der Ecke und wartet auf ein Taxi. In diesem Moment wird ihr klar, dass durch ihren Traum, die Welt zu verändern, Menschen zurückgelassen werden, auch wenn diese oft unsichtbar bleiben.


Die rasante Entwicklung der Branche und ihre ständige Anpassung an neue Unternehmens- und Benutzergewohnheiten verlangt von den Mitarbeitern große Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Doch die ständigen Umstrukturierungen und wechselnden Managementansätze in ihrem Unternehmen führen bei Xiewei dazu, dass es ihr immer schwerer fällt, den Fokus ihrer Arbeit zu finden und sich Schritt für Schritt ein Gefühl der Resignation in ihr breit macht.



Alle machen Überstunden. „Haben die denn nie Hunger?“


Tongshi hat an einer bekannten Universität in Shanghai Industriedesign studiert. Doch verglichen mit dem interaktiven Design des Internets hat das Fertigungsdesign über die Jahre an Attraktivität verloren. Anstelle für ein traditionelles Industrieunternehmen zu arbeiten, entscheiden sich viele Absolventen daher für einen besser bezahlten und angesagteren Job in der Internetbranche.


Tongshi arbeitet als Designerin für eine Firma, die eine Bikesharing-Plattform betreibt. Da die meisten Designentscheidungen des Unternehmens seit langem feststehen, ist Tongshis Rolle als Designerin äußerst begrenzt. Meist entwirft sie auf den Wunsch ihres Vorgesetzten hin Aufkleber für die Leihfahrräder der Firma. Auf ihrem Nachhauseweg sieht sie die Fahrräder an Leihstationen stehen. Wer sich ein Fahrrad ausleihen möchte, scannt einfach einen Code auf seinem Handy und schon kann es losgehen. Wer achtet dabei schon auf die Aufkleber, die auf dem Fahrradrahmen angebracht sind? „Wozu dient meine Arbeit eigentlich?“, fragt sie sich.


Als sich Tongshi auf die Stelle bewirbt, wird ihr gesagt, dass die Firma flexible Arbeitszeiten hat. Mitarbeiter müssten sich einfach nur mit ihrer Karte an- und abmelden, auf die genaue Arbeitszeit käme es nicht an, solange man acht Stunden im Büro anwesend sei. Obwohl sie bereits seit langem davon gehört hat, dass in der Internetbranche Überstunden Gang und Gäbe sind, denkt Tongshi naiv: „Wenn ich meine Arbeit rechtzeitig erledige, kann ich ja auch rechtzeitig gehen.“


Normalerweise endet der Arbeitstag um halb sieben, doch Tongshi stellt bald fest, dass alle Kollegen mindestens bis um sieben Uhr abends da bleiben, bevor sich das Büro so langsam leert. Seit ihrer Kindheit liebt es Tongshi, einen geregelten Tagesablauf zu haben. Sobald die Uhr sechs schlägt, ist es für sie Zeit zum Abendessen. Doch da die Kollegen um sie herum eifrig am Bildschirm weiterarbeiten, hat Tongshi nicht den Mut, früher als alle anderen ihre Tasche zu nehmen und das Büro zu verlassen. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als am Rechner sitzen zu bleiben, ihr Handy zu nehmen und auf WeChat ihren Frust abzulassen: „Es ist Feierabend, doch diese Leute gehen einfach nicht nach Hause. Haben die denn nie Hunger?“


Nach kaum drei Monaten bei der Firma beschließt Tongshi zu kündigen – nicht etwa, weil es Streitigkeiten mit Kollegen gegeben hätte, sondern einfach deshalb, weil ihr die Arbeitsatmosphäre nicht behagt. Von der Arbeit fährt sie eine Stunde mit der U-Bahn nach Hause. Bevor sie gekocht und gegessen hat, ist es bereits abends um neun. Und wenn sie Überstunden machen muss, kann es schon auch mal um Mitternacht werden.


Ihr Plan war es, jeden Tag mindestens drei Stunden Zeit für sich zu haben, um zu lesen oder zu zeichnen. Doch wenn sie nach Überstunden spät nach Hause kommt, fehlt ihr einfach die Energie. Statt dessen liegt sie dann auf dem Bett und spielt drei Stunden lang mit dem Handy. Dies entspricht nicht der Vorstellung, die sie von ihrem eigenen Leben hat.


An ihrem letzten Arbeitstag bitten ihre Vorgesetzten sie darum, nach der Arbeit noch eine Weile zu bleiben und das Thema im Konferenzraum miteinander zu besprechen. Tongshi war schon immer schüchtern, den ganzen Nachmittag über sieht sie dem Gespräch mit Nervosität entgegen. Als die Unterredung um sieben Uhr abends beginnt, ist ihre erste Reaktion: Das war’s dann wohl. Hier komme ich nur hungrig und zerschlagen wieder raus.


Ihre beiden Vorgesetzten sitzen ihr gegenüber. Tongshi verschränkt die Hände und versteckt sie tief unter dem Tisch. Als einer der Vorgesetzten ihr tief in die Augen starrt, senkt sie den Blick. Sie hört ihr Gegenüber sagen: „Obwohl ich nicht dein Gehalt zahle, finde ich es nicht in Ordnung, dass du nach drei Monaten einfach so kündigst. Was soll die Firma denn jetzt so schnell machen?“ Während ihr Vorgesetzter davon spricht, dass sie das Ganze auch aus der Perspektive des Unternehmens sehen müsse, sitzt Tongshi da und getraut sich nicht zu antworten.


Nach Beendigung des Gesprächs amtet sie erleichtert auf. Sie ist sich jetzt sicher, dass ihre Entscheidung, die Firma zu verlassen, die richtige war. Als sie auf dem Heimweg über das Gespräch nachgrübelt, fällt ihr ein, wie sie auf die Forderungen ihres Vorgesetzten hätte reagieren sollen: „Was gehen mich die Interessen der Firma an, ich bin nur hier, um Geld zu verdienen“.



Am Ende landet man doch wieder in der Branche


Auf der Suche nach neuen Herausforderungen lässt sich Gu Yingying nach einem Jahr bei Alibaba in Shanghai in die Firmenzentrale nach Hangzhou versetzen, sie wolle etwas neues lernen und ausprobieren.


Doch auch nach anderthalb Jahren in Hangzhou gilt sie noch als „Neue“, deren Arbeit keinerlei Herausforderungen für sie bereit hält. Noch immer ist sie vor allem damit beschäftigt, die Inventardatenbank zu pflegen und Daten zusammenzufassen – eine Arbeit, von der sie sich zunehmend gelangweilt fühlt und die, wie sie meint, jeder kluge Praktikant erledigen kann.


Gu Yingying beschließt zu kündigen. Auf WeChat postet sie: „Jawohl, ich bin gegangen.“ Von ihren Freunden auf WeChat erntet sie für diesen Schritt viel Lob und Bewunderung, viele beneiden sie um diese Entscheidung. Am Tag, an dem sie ihre Kündigung einreicht, kauft sie sich ein Flugticket nach Bali. Nur einen halben Monat später sitzt sie im Flugzeug.


Auf Bali sind ihre Tage vollgepackt mit Aktivitäten. Von morgens um fünf bis abends um zehn widmet sie sich dem Laufen, Yoga, Tauchen, Surfen, Lesen und Motorbootfahren. Auch das Kochen lokaler Gerichte hat sie dort gelernt.


Auf Bali lernt sie außerdem einen Briten kennen, der nach fünf Jahren im Beruf für ein Sabbatjahr auf die Insel gekommen ist. Die beiden gehen zusammen essen und teilen ihre Reisepläne miteinander. Gu Yingying freut sich schon darauf, miteinander zu reisen.


Doch dann fragt ihr britischer Bekannter, ob sie sich sicher sei, dass dies der beste Moment für sie sei, um sich eine Auszeit zu nehmen. Plötzlich kommt sie ins Grübeln. In der Nacht denkt sie darüber nach, schaut auf ihr Lebensalter zurück und ist sich nicht mehr so sicher. „Warum kehrst du nicht für eine Weile wieder an die Arbeit zurück, sparst dir etwas an und gehst dann auf Reisen, so wie er“, denkt sie sich.


Schließlich fasst sie einen Entschluss und kauft sich ein Rückflugticket. Ihren Koffer hinter sich herziehend macht sie sich auf den Weg zu einem neuen Jobinterview bei einem von Chinas schnell wachsenden Internetgiganten.


Nach ihrem Praktikum in Beijing hält es Xiewei noch immer in der Internetbranche. Bei Bytedance, Pinduoduo und derlei Unternehmen ist der Arbeitsdruck so groß wie eh und jäh, und auch die Arbeitszeiten sind in der scheinbar freien und entspannten Atmosphäre nicht wirklich kürzer geworden. Das einzige, was sich mit Verlässlichkeit verändert, sind die kontinuierlich steigenden Gehälter, die diese Firmen ihren Mitarbeitern zahlen.


Aus dem Ideal, die Welt zu verändern, ist über die Zeit nur ein ganz normaler Job geworden, mit dem sich Geld verdienen lässt. Manchmal denkt sie darüber nach, zu kündigen und ihr eigenes Unternehmen zu gründen oder als professioneller Podcast-Host zu arbeiten, doch am Ende ist sie doch immer wieder auf die Internetbranche zurückgeworfen.


Nach ihrer Kündigung bewirbt sich Tongshi erfolgreich an einer Universität in einer britischen Kleinstadt, drei Autostunden von London entfernt. Dort ist der Unterricht um vier Uhr nachmittags zu Ende, über die restliche Zeit des Tages kann sie frei verfügen. Auf dem Weg zurück ins Studentenwohnheim kauft sie ein, bereitet sich zu Hause ihr Abendessen zu und kocht auch gleich noch für den nächsten Tag. Die meiste Zeit ihres Studentenalltags verbringt sie zwischen Uni, Supermarkt und Studentenwohnheim, doch sie ist zufrieden. Immerhin habe sie jetzt wieder die Kontrolle über ihr Leben zurück.


Ende 2020 kehrt Tongshi nach ihrem Masterabschluss wieder nach China zurück. Als sie im Internet nach offenen Stellen recherchiert, stellt sie fest, dass die großen Internetfirmen noch immer unter Chinas Top-Arbeitgebern sind. Sie denkt zurück an ihre kurze Arbeitserfahrung in der Internetbranche und zögert, hier einen neuen Job anzunehmen.


Noch vor einem Jahr hat sie ihre alten Sachbücher in der Hoffnung verkauft, nach ihrer Rückkehr andere Optionen auf dem Arbeitsmarkt vorzufinden, aber die Realität ist noch immer die alte. Entweder geht man für ein dürftiges Gehalt zu einer kleinen Firma, ohne sicher sein zu können, dass man dort keine Überstunden machen muss, oder man geht zu einem der großen Internetgiganten, wohlwissend, dass dies die 72-Stunden-Woche bedeutet.


Lange ringt sie um eine Entscheidung.



 

[1] 徐龙江, 重回大厂996的年轻人:还是先搞钱, veröffentlicht online am 26. März 2021 im Online-Magazin NOW (全现在) unter https://mp.weixin.qq.com/s/W-uj6yj2QpxkVGXywQ44WA


[2] Pinduoduo, Meituan und Didi gehören in China zu den Internetunternehmen neuerer Generation, die vor allem im Dienstleistungsbereich aktiv sind, wo sie ihren Kunden zum Beispiel Liefer-, Fahr- und Shopping-Dienste anbieten.


[3] Jin Yong ist ein chinesischer Wuxia-Romanautor, der in seinen Büchern traditionelle Kampfkunst mit Fantasy-Elementen verbindet.