• Michaela Boehme

Sehnsucht nach dem Landleben


Ökofarm in der Nähe von Shanghai
© Foodthink | Ökofarm in der Nähe von Shanghai

 

Li Yu: Flucht von der Stadt aufs Land – Freude für die Seele, Herausforderung für den Körper [1]

Übersetzt von Michaela Böhme

 

Anmerkungen zum Text


Mit zunehmendem Wohlstand geht auch in China eine Sinnkrise einher. Besonders junge Menschen sehnen sich nach einem alternativen Lebensmodell im Einklang mit sich und der Natur. Das Leben auf dem Lande – lange Zeit als rückständig, ärmlich und unmodern belächelt – ist wieder en vogue.


Vloggerin Li Ziqi ist Vorreiterin dieser neuen Welle der Romantisierung ländlichen Lebens. In ihren Videos gewährt sie Millionen von Fans Einblicke in ihr Leben in einem idyllischen Bergdorf in der Provinz Sichuan – vom Sammeln frischer Pilze im Wald bis zum Zubereiten köstlicher Speisen mit frischen Zutaten aus dem eigenen Gemüsegarten. Li Ziqi weiß: für viele gestresste und überarbeitete Großstädter ist das ländliche China zur Projektionsfläche unerfüllter Sehnsüchte geworden.



Die neue Begeisterung für das Landleben erfährt auch politische Unterstützung. Unter Präsident und Parteichef Xi Jinping hat die sogenannte Revitalisierung der ländlichen Regionen hohe Priorität. Durch verschiedene politische Programme soll die Rückkehr junger, gut ausgebildeter Menschen in die ländlichen Regionen Chinas unterstützt werden. Diese „neuen Farmer“ (xin nongmin 新农民), so hofft man, sollen zur Verbreitung digitaler Technologien, sowie ökologisch und solidarischer Anbaumethoden beitragen und die Landwirtschaft damit lukrativer und attraktiver machen.


Der hier vorgestellte Text beschreibt den Reiz, den das Landleben auf viele junge Menschen in China ausübt. Doch bei genauerem Hinsehen ist die Romantisierung des Landlebens nicht unproblematisch. Nicht nur klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander, wie die Autorin am eigenen Leib erfahren muss. Auch das Verhältnis der neuen Farmer zu den traditionellen Bauern ist unklar. Ob letztere in die neuen Formen der Landwirtschaft eingebunden werden und von diesen profitieren können, bleibt offen und wird im Text nicht weiter thematisiert. Selbstfindung und Sinnsuche angesichts der materialistischen Lebenswelt des modernen Chinas sind für die Autorin Triebfedern ihrer Sehnsucht nach dem Lande.


 

"Flucht von der Stadt aufs Land – Freude für die Seele, Herausforderung für den Körper"

Li Yu


Von der Stadt aufs Land


Ich heiße Li Yu. Ich bin in den 90er Jahren geboren und eine typische Nordchinesin. 2022 habe ich mich dazu entschlossen, meinen Beruf im Bauingenieurswesen aufzugeben und Landwirtin zu werden.


Seit 2017 interessiere ich mich für Nahrungsmittel und Ernährung. Ich hatte bereits Erfahrungen mit Yoga gesammelt und begann mir in diesem Umfeld erste Gedanken über den Zusammenhang von Ernährung und Gesundheit zu machen. Dabei wurde mir klar, wie wichtig regelmäßiges und gesundes Essen für den Körper ist.


Ich fing an, weniger oft außerhalb zu essen und öfter selber zu kochen. Selbst Essen bestellt habe ich kaum noch. Ich habe damals allein in einer chinesischen Großstadt gelebt. Als Unterkunft suchte ich mir eine Wohnung gleich in der Nähe meiner Firma, sodass der Arbeitsweg kurz war und ich mehr Zeit fürs Kochen hatte. Wenn mich Freunde von außerhalb besuchen kamen, konnte ich sie nur in die Restaurants führen, die ich von meinen Arbeitskollegen her kannte, so selten aß ich damals außer Haus.


Auf einer Reise bin ich dann das erste Mal auf Biolebensmittel aufmerksam geworden sowie auf die neue Generation an Biolandwirten, die sich gerade in China etabliert.


Wie wird unser Essen angebaut? Wer baut es an und warum? Damals bin ich zum ersten Mal mit einer Gruppe hochgebildeter Menschen mit Universitätsabschluss in Kontakt gekommen, die sich aus Überzeugung für den Beruf des Landwirts entschieden hatten und ihr eigenes Verständnis von Landwirtschaft mit Beharrlichkeit verfolgten. Dies hat mir die Augen geöffnet für die Möglichkeiten, die das Leben bietet.


Von da an eroberten die biologisch angebauten Nahrungsmittel dieser jungen Landwirtinnen und Landwirte meine Küche. Oberflächlich betrachtet änderten sich nur meine Essgewohnheiten, tatsächlich vollzog sich jedoch ein tiefgreifender Wandel in meinem Leben. Trotz mancher Zweifel reifte in mir langsam die Erkenntnis, dass Essen mehr ist als das bloße Zuführen von Nährstoffen für den Körper. Essen versorgt uns nicht nur mit materieller, sondern auch mit geistiger Nahrung.

Also beschloss ich, der Stadt zu entfliehen und in der Landwirtschaft mein neues Leben zu beginnen.


Landwirtschaft ist nicht gleich Landwirtschaft


Um mehr über ökologischen Landbau zu lernen, suchte ich mir einen Praktikumsplatz auf einem Ökobauernhof.


Als ich meiner Familie und meinen Freunden davon erzählte, dass ich einen neuen Lebensabschnitt als Öko-Landwirtin beginnen würde, bekam ich zwei ganz unterschiedliche Reaktionen. Von den Jüngeren erntete ich anerkennende und fast schon neidische Blicke. Die Vorstellungen vieler meiner Freunde über die Landwirtschaft scheinen direkt den Videos von Li Ziqi entsprungen zu sein: eine pastorale Idylle mit saftigen Wiesen, Pferden und Schafen. Man verbringt den Tag damit, die selbst angebauten Produkte zu verköstigen und mit seinem Partner den Sonnenauf- und -untergang zu bestaunen.


Es ist kein Zufall, dass jemand wie Li Ziqi in unserer modernen Zeit so viel Aufmerksamkeit erfährt. Viele junge Menschen sehnen sich nach einem ruhigen, selbstbestimmten Leben auf dem Lande, das sie ihre Arbeits- und Alltagssorgen vergessen lässt.


Statt sozialem Druck und geistlosem Konsum verspricht das Landleben die Genüsse frisch angebauter Lebensmittel und das Aufgehen in körperlicher Betätigung – eine verlockende Vorstellung für viele junge Menschen, die unter Wettbewerbsdruck und Zukunftsängsten leiden.


Auch ich hatte einst ein sehr romantisierendes Bild der Landwirtschaft. In der überfüllten und geschäftigen Großstadt sehnte ich mich nach einem sanften Erwachen bei Vogelgezwitscher und Sonnenlicht, nächtlicher Stille und Sternen am Firmament und echten zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich träumte von der Sicherheit, die die Nähe zu Grund und Boden vermittelt, dem Freiheitsgefühl der weiten Landschaft, der Vitalität des Wachstums, der Zufriedenheit einer reichhaltigen Ernte … Die Landwirtschaft, so hoffte ich, würde mir eine neue Welt eröffnen.


Ganz anders die Reaktion der Älteren, die dachten, ich hätte den Verstand verloren. Für meinen Großvater, der sein ganzes Leben auf dem Feld gearbeitet hat, bedeutet Landwirtschaft, schmutzige und ermüdende Arbeit zu verrichten aber ein armes und elendes Leben zu führen, bei dem man am Ende vielleicht noch nicht einmal einen Lebenspartner findet. Mit Landwirtschaft hat die heutige Jugend doch nichts mehr am Hut, befand er.


Auch während meines Praktikums wurde ich mit solchen Ansichten konfrontiert. Von einigen älteren Ausbildern hörte ich, dass junge Menschen mit Universitätsabschluss doch lieber im Büro sitzen und dickes Geld verdienen sollten. Die Landwirtschaft sei ein harter Job, den nur ältere Menschen ohne viel Wert für die Gesellschaft machen würden. Manche Mitarbeiter fragten mich beim ersten Kennenlernen, ob ich einen Abschluss in Agrarwissenschaften hätte und deshalb hier ein Praktikum machen würde. „Nein? Was machst du denn dann hier? Solltest du nicht lieber an deiner Karriere feilen als hier den Acker bestellen?“


Um die Bedenken meines Großvaters zu zerstreuen, setze ich mich mit einem Ökobauernhof in Verbindung, der Pfirsiche in Yonji in der Provinz Shanxi anbaut und bat meinen Bruder, dem Hof mit der gesamten Familie im Gepäck einen Besuch abzustatten.


Großvater staunte nicht schlecht über die neuen Wege der Biolandwirtschaft, das „Unkraut“ auf den Feldern und die Ansichten des in Agrarwissenschaften ausgebildeten Farmmanagers. Eine Kostprobe der duftenden und saftigen Pfirsiche gehörte auch mit dazu.


Ich berichte meinem Großvater oft davon, was ich alles Neues lerne, zum Beispiel von der Schädlichkeit chemischer Düngemittel und Pestizide, der Bedeutung ökologisch angebauter Lebensmittel für die Gesundheit, von alternativen Anbaumethoden aber auch von den neuen politischen Initiativen, durch die mehr junge Menschen für die Landwirtschaft begeistert werden oder ländliche Armut beseitigt werden soll.


Leben auf dem Land: müde, aber zufrieden


Um zu begreifen, was Landwirtschaft wirklich ist, reicht es nicht aus, den Geschichten anderer zuzuhören. Man muss es selbst ausprobieren. Im März 2022 begann ich mein Praktikum auf einem Ökobauernhof, der in der Nähe von Shanghai solidarische Landwirtschaft betreibt. Während die Stadt bald in den Lockdown gehen sollte, verbrachte ich drei Monate mit landwirtschaftlicher Arbeit auf dem Hof.


In den ersten Wochen lernte ich vor allem, wie erschöpfend die Arbeit als Landwirtin sein kann. Als blutige Anfängerin war ich neugierig auf alles und voller Energie – bereit jede Aufgabe sofort zu erledigen. Doch bereits nach ein paar Tagen fing ich an, jede Faser meines Körpers zu spüren.


Morgens wünschte ich mir nichts mehr, als im Bett liegen zu bleiben und mich ausruhen zu können.

Aber die Landwirtschaft wartet nicht auf uns Menschen. Ernten, Dünger ausbringen, den Boden umgraben, säen, Unkraut jäten – auf dem Feld gibt es immer etwas zu tun. Es ist ein ewiger Kreislauf, Tag für Tag.


Trotz aller Erschöpfung und Mühen des bäuerlichen Lebens stellte sich langsam ein Gefühl der Zufriedenheit ein. Auf den Feldern reifte das Gemüse heran. Beim Abendessen bog sich unser Tisch bald unter Bergen von frischem Lauch, Zucchini, Zwiebeln und Gurken.


Auch unsere Tiere entwickelten sich prächtig. Auf dem Hof erhalten sie selbst angebautes, frisches Futter. Der Wurf einer unserer Sauen bescherte uns ein Dutzend neuer Ferkel, sodass wir den Schweinestall erweitern mussten.


Das stetige Wachstum unserer Pflanzen und Tiere ließ mich erkennen, dass auch wir selbst uns ständig weiterentwickeln. Die Sorge, hinter die anderen zurückzufallen, hat mich in der Vergangenheit oft unrealistische Maßstäbe an mich anlegen lassen, denen ich nicht gerecht werden konnte. Mittlerweile habe ich gelernt, meine Grenzen zu akzeptieren. Nach einem Tag harter Arbeit kann ich mich heute ohne Gewissensbisse ausruhen, anstelle das Gefühl zu haben, noch bis spät in die Nacht hinein pauken zu müssen.


Wenn ich die Blumen am Feldrain betrachtete, konnte ich die Magie und Ruhe der Natur spüren. Jedes Mal, wenn ich die Arbeit eines Tages beendete und den Blick zum Himmel hob, überkam mich ein Gefühl des Friedens und der Geborgenheit. Vielleicht liegt darin der Reiz der Sonnenauf- und -untergänge auf dem Lande.


Heute denke ich voll guter Erinnerungen an diese drei Monate zurück. Jeder Tag war so rein und einfach – essen, arbeiten und schlafen, dass ich nicht einmal merke, wie die Zeit verflog.


Neue Lebenswege, neue Träume


Auch heute noch erhalte ich manchmal von Freunden neidische Blicke, wenn ich ihnen über meine Erfahrungen auf dem Ökobauernhof erzählen. Sie haben weder die Mühen noch die Freuden der Landwirtschaft selbst erlebt, und es mag für sie schwer sein, meine Erfahrungen wirklich nachzuempfinden.


Ich habe im Laufe der letzten drei Monate ein realistischeres Bild der Landwirtschaft gewonnen. In gewisser Weise unterscheidet sie sich nicht allzu viel von anderen Branchen. Auch die Landwirtschaft ist nicht frei von Problemen und Herausforderungen.


Natürlich kann die körperliche Arbeit auf dem Lande dabei helfen, uns wieder neu zu erden und die Ängste und Zweifel des modernen Lebens abzulegen. Aber wie jeder andere Beruf, ist die Landwirtschaft kein Zufluchtsort, der uns vor allen Problemen und Herausforderungen schützt. Auch hier müssen wir ständig nach neuen Wegen und Möglichkeiten suchen – vom Pflanzen des ersten Samens an.


Im Juni dieses Jahres bin ich nach Ablauf meines Praktikums vom Ökobauernhof in der Nähe Shanghais zu einem neuen Hof gewechselt. Ich weiß sehr wohl, dass der vor mir liegende Weg lang und steinig ist und so manche Vorstellung, die ich mir von der Landwirtschaft mache, auf den Prüfstand stellen wird. Aber es ist auch ein Weg, der mir neue Hoffnung gibt.



 

[1] 李钰, 逃离城市去务农,是心的愉悦,也是身的挑战, veröffentlicht online am 08.07.2022 auf der WeChat-Seite von Foodthink (食通社) unter https://mp.weixin.qq.com/s/6oTRzGufLXfuydR-ZTJnwQ