• Michaela Boehme

"Return to Dust" von Li Ruijun: Reflektion über den Sinn menschlichen Tuns in Chinas Moderne


Blick auf den ausgetrockneten Jialing-Fluss bei Chongqing
© Hucheng No 7 Films Ltd/Berlinale | Szene aus "Return to Dust"

 

Er war ein überraschender Liebling des Kinopublikums zu Herbstbeginn: der Film yinru chenyan 隐入尘烟 – auf Englisch „Return to Dust“ – des chinesischen Jungregisseurs Li Ruijun (李睿珺).


Das Werk aus dem Arthouse-Genre erzählt die Geschichte des Bauern Ma Youtie – jüngster von vier Brüdern, der es im Dorf zu nichts gebracht hat – und Guiying, einer körperlich behinderten Frau, die in einem Verschlag hausen und seit jüngster Kindheit dem Missbrauch ihrer Familie ausgesetzt ist. Um sich der ungeliebten Außenseiter zu entledigen, werden die beiden von ihren Familien in einer arrangierten Hochzeit zusammengebracht und beginnen entgegen aller Erwartungen eine von gegenseitigem Vertrauen getragene, gemeinsame Existenz aufzubauen.


Der Film begleitet sie in gleichsam dokumentarischer Art und Weise durch ihren harten Alltag, vom Bestellen des kargen Ackerlands über das errichten eines einfachen Bauernhauses aus selbst geformten Lehmsteinen bis hin zur Ernte von Weizen und Mais in reiner Handarbeit. Mit der Aufzucht einiger Hühner, dem Erwerb eines Mastschweins und dem Einzug in das eigene Haus stellt sich langsam ein bescheidener Wohlstand ein, doch ein Schicksalsschlag bringt eine tragische Wendung.


Unaufgeregt und doch mit viel Einfühlungsvermögen erzählt der Film über das Leben seiner beiden ungewöhnlichen Protagonisten aus einem unbenannten Dorf in Gansu – einer der ärmsten und „rückständigsten“ Provinzen Chinas. Der Film, der bereits im Februar 2022 bei der Berline im Wettbewerb lief, wurde von vielen Chinesinnen und Chinesen vor allem für seine Authentizität gelobt. Li Ruijin, der selbst aus Gansu stammt und dort in großer Armut groß wurde, greift mit Ausnahme der weiblichen Hauptrolle Guiying vor allem auf Laienschauspieler aus dem bäuerlichen Umfeld zurück und lässt seine Charaktere im Lokaldialekt anstelle des sonst in Filmen meist üblichen Hochchinesisch auftreten.


In westlichen Medien erregte der Film vor einigen Wochen besonders deshalb Aufsehen, da er trotz Publikumserfolg und anfänglichem Lob in den Staatsmedien Ende September überraschend aus den Kinos und von Streaming-Plattformen entfernt wurde. Der Film sei der Zensur zum Opfer gefallen, wurde gemutmaßt, da seine lebensnahe Darstellung des harten ländlichen Lebens dem Regierungsnarrativ zuwider laufe, die Kommunistische Partei habe erfolgreich die Armut auf dem Lande bekämpft.


Dies ist überraschend, denn eigentlich will „Return to Dust“ nicht auf eine politische Kritik hinaus. Vielmehr handelt es sich bei dem Werk um eine stille Reflektion über Sinn und Ziel menschlichen Strebens. Durch den gesamten Film zieht sich das Symbol des Samens als Sinnbild für Werden und Vergehen, so wie es auch die beiden Protagonisten am eigenen Leibe erfahren müssen. Als letzte Überbleibsel einer hoffnungslos „unmodernen“ bäuerlichen Kultur stehen Ma Youtie und Guiying symbolisch für den ewigen Kreislauf des Lebens, während ihre „erfolgreichen“ Verwandten und ehemaligen Nachbarn in den Städten nach materiellem Fortschritt streben – doch vielleicht um den Preis der inneren Entwurzelung. Damit spricht der Film auch eine der großen Sinnkrisen an, die Chinas Wirtschaftswunder hinterlassen hat.


Was auch immer zum Verschwinden des Films geführt hat, in der Messaging-App WeChat zirkuliert „Return to Dust“ noch immer in voller Länge. Außerhalb Chinas kann er auf YouTube im Original mit chinesischen Untertiteln angesehen werden.