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  • Michaela Boehme

„Chinas Geschichte gut erzählen“: Chinas Neujahrsgala zum Jahr des Ochsen

Aktualisiert: 8. März 2021


Neujahrsgala chunwan

 

Unter der Führung von Partei- und Staatschef Xi Jinping gilt seit 2013 die Losung, „Chinas Geschichte gut zu erzählen, und Chinas Stimme gut zu verbreiten“. Dahinter verbirgt sich der Anspruch, größeren Einfluss darüber zu gewinnen, wie China in der Welt wahrgenommen und welches Bild von China in den Medien vermittelt wird.


Wer einen Eindruck davon gewinnen will, welche Geschichte die politische Führung Chinas denn gerne über das Land erzählen möchte, dem sei ein Blick auf die chinesische Neujahrsgala – chunwan – empfohlen. Seit 1983 wird die Chunwan-Gala jedes Jahr zum chinesischen Jahreswechsel vom Staatssender CCTV ausgestrahlt.


Das vierstündige Megaevent – eine bunte Mischung aus Tanz, Gesang, Comedy und Kampfkunsteinlagen, bei der alle Stars und Sternchen der chinesischen Entertainment-Branche vertreten sind – gehört in China einfach zu den Neujahrsfestlichkeiten dazu. Mehr als eine Milliarde Menschen sowohl innerhalb Chinas als auch im Ausland haben dieses Jahr am 11. Februar die meistgesehene Show der Welt an ihren Fernsehbildschirmen verfolgt.


Die Neujahrsgala bietet der politischen Führung Chinas damit eine ideale Plattform, um sowohl nach innen als auch nach außen ein Chinabild zu verbreiten, dass den eigenen Vorstellungen entspricht. Will man die politische Botschaft, die sich hinter der minutiös geplanten Abfolge an Programmpunkten verbirgt, in einem Satz zusammenfassen, so ließe sich sagen: Unter der Führung der Partei ist China nach Jahrzehnten großer Opfer und Anstrengungen wieder zu einer geeinten, selbstbewussten und wirtschaftlich starken Nation aufgestiegen, die ihren rechtmäßigen Platz auf der Bühne des Weltgeschehens beansprucht.


Diese Botschaft kommt nicht unvermittelt, sondern knüpft an die politische Vision des „chinesischen Traums an“, wie sie bereits seit 2013 von der Parteiführung intensiv beworben wird. Und der Zeitpunkt hierfür könnte nicht passender sein, markiert doch das Jahr des Ochsen 2021 das hundertjährige Bestehen der Kommunistischen Partei Chinas.


Drei große thematische Stränge ziehen sich durch den Gala-Abend, die die Botschaft vom „großen Wiederaufblühen der chinesischen Nation“ wirkungsvoll in Szene setzen:



Botschaft #1: China ist technologisch führend


Die Galainszenierung selbst soll dies bereits deutlich machen. Angekündigt als ein multimediales Event der Superlative, bei der Kunst mit neuster Technik integriert wird, sorgen digitale Technologien wie AR (augmented reality) und XR (extended reality) für audio-visuelle Effekte, die die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischen. So lassen die Macher der Show zum Beispiel bei dieser Nummer Landschaftsaufnahmen mit auf der Bühne vorgetragenen Kampfkunst-Elementen verschmelzen...


... oder Rapstar Wang Yibo und Schauspieler Andy Lau in einer virtuellen, von Robotern bevölkerten 3D-Landschaft auftreten.


Und auch die Würdigung chinesischer Erfolge in der Luft- und Raumfahrt darf nicht fehlen. In einem Beitrag der als „Bericht an das Vaterland“ überschrieben ist, lässt die Gala Repräsentanten aus Raumfahrtindustrie und Militär auftreten, die an die Erfolge des vergangenen Jahres erinnern sollen, einschließlich Chinas erster erfolgreicher Mondmission im Dezember 2020.



Botschaft #2: China steht zusammen


Die Neujahrsgala inszeniert China als starke Nation, die Herausforderungen gemeinsam meistern kann. Wie zu erwarten, stehen hierbei Chinas Anstrengungen im Kampf gegen die Corona-Pandemie im Vordergrund.


Nachdem anfänglich in den sozialen Medien Unmut über das Handeln der politischen Führung laut geworden war, hat diese das Narrativ mittlerweile fest im Griff: In einer großen nationalen Kraftanstrengung und dank der Opfer des medizinischen Personals und vieler Freiwilliger hat China über das Virus „gesiegt“. Emotionale Bilder aus dem ursprünglichen Pandemiezentrum Wuhan sollen zeigen, was die Nation gemeinsam erreicht hat.


Auch Chinas Erfolge im Kampf gegen die Armut dürfen hier nicht fehlen. 2021 markiert das Jahr, in dem China nach dem Willen der Partei eines seiner selbstgesteckten Jahrhundert-Ziele erreichen soll: die Errichtung einer „Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand“, in der niemand mehr in absoluter Armut leben muss.


Dieser Programmpunkt würdigt die Arbeit von Beamten auf der Dorfebene, die sich dort besonders um die Bekämpfung von Armut hervorgetan haben, indem sie zum Beispiel traditionelles Handwerk fördern oder sich für die Ausweitung flächendeckender Gesundheitsvorsorge einsetzen.



Botschaft #3: Die Partei ist die führende Kraft


Verschiedene Programmpunkte erinnern an das 100-jährige Bestehen der Kommunistischen Partei Chinas.


Dieses Lied feiert die Partei als treibende Kraft der Modernisierung Chinas. Die bunte Schar an volkstümlich gekleideten Sängerinnen und Sängern soll daran erinnern, dass China unter der Herrschaft der Partei aus einer Phase des Zerfalls hin zu einer Epoche der Einigung und Stabilität geführt wurde, in der alle Ethnien des Landes, so zumindest das beschworene Ideal, in Eintracht und Harmonie zusammenleben. Gemeinsam singen sie:


„Ich singe der Partei ein Volkslied, die Partei ist wie eine Mutter zu mir. Meine Mutter hat nur meinen Körper geboren, doch der Ruhm der Partei scheint in meinem Herzen.“


Natürlich ist auch den meisten Zuschauern in China klar, dass sich hinter der heilen Welt von Freude, Fortschritt und Harmonie, die uns in der Neujahrsgala präsentiert wird, eine komplexere Wirklichkeit verbirgt – wovon zahlreiche Kommentare in den sozialen Medien zeugen. Dennoch ist die Botschaft eines starken, wieder erblühten Chinas wirkmächtig, suggeriert sie doch, dass die großen gesellschaftlichen und individuellen Anstrengungen der Chinesinnen und Chinesen in den letzten Jahrzehnten Früchte tragen.


Wer wissen möchte, wie die politische Führung die Geschichte Chinas im Jahr des Ochsen erzählen will, findet in der Neujahrsgala alle wichtigen Elemente der Erzählung enthalten.



Frohes Jahr des Ochsen – 牛年快乐!



 


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